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Unter Sprache versteht man im allgemeinen Sinn alle komplexen Systeme der Kommunikation. Darunter fallen insbesondere die menschlichen naturlichen Sprachen (die in einem ungesteuerten Prozess erworben werden). Aber auch im Tierreich existieren Systeme von kommunikativen Verhaltensweisen, die landlaufig als Sprache bezeichnet werden, etwa die Tanzsprache der Bienen. In einem noch weiteren Sinn werden auch Symbolsysteme, die nur zur Reprasentation und Verarbeitung von Information dienen, als Sprache bezeichnet, etwa Programmiersprachen oder formale Sprachen in Mathematik und Logik.
Unter den menschlichen naturlichen Sprachen ist eine wesentliche Unterteilung die zwischen Lautsprache und Gebardensprache. Die geschriebene Sprache zielt oft auf die Abbildung einer Lautsprache (z. B. bei Alphabetschriften), kann aber zu verschiedenen Graden eigenstandig sein (am meisten bei logografischen Schriften).
Die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der menschlichen Sprache allgemein beschaftigt (vor allem mit naturlicher Sprache), ist die Linguistik oder Allgemeine Sprachwissenschaft. Sprache und Sprachverwendung erscheinen auch als Themen in anderen Wissenschaften wie Psychologie, Neurologie, Kognitionswissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Rhetorik, Sprechwissenschaft, Philosophie (Sprachphilosophie), Medienwissenschaft, Informatik, Semiotik, Literaturwissenschaft, Religionswissenschaft, Anthropologie und Ethnologie.
Die Zahl der derzeit verwendeten menschlichen Sprachen belauft sich weltweit auf etwa 7.000, wobei genaue Angaben immer mit Schwierigkeiten behaftet sind, z. B. weil sie eine Unterscheidung zwischen Sprache und Dialekt erfordern. Schatzungen zufolge werden ungefahr 90 Prozent der heute vorhandenen Sprachen am Ende dieses Jahrhunderts verdrangt sein. Im Weltatlas der gefahrdeten Sprachen listet die UNESCO alle weltweit vom Aussterben bedrohten Sprachen auf. Mit dem Erloschen einer Sprache geht auch ein kulturelles Gedachtnis verloren. Heute wird versucht, mit politischen und rechtlichen Initiativen diesem drohenden Verlust entgegenzuwirken. Jede Sprache gilt als Immaterielles Kulturerbe und unterliegt damit internationalem Schutz.
Sprache als Zeichensystem
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelsprachen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Menschliche Sprachen werden hinsichtlich ihrer Entstehung in naturlich entstandene Sprachen wie Englisch oder Spanisch und in bewusst ausgearbeitete konstruierte Sprachen wie Esperanto oder Klingonisch unterteilt (zu letzteren siehe den nachfolgenden Abschnitt).
Landlaufig ist mit Sprache meist eine bestimmte Einzelsprache wie Deutsch, Japanisch oder Swahili oder auch eine der Gebardensprachen gemeint. Die Unterscheidung zwischen Gebardensprachen und Lautsprachen (,,gesprochenen" Sprachen) bildet die Hauptunterscheidung im Bereich menschlicher Sprachen, und sie werden von der Sprachwissenschaft beide als gleichwertig angesehen. Gebardensprachen sind allerdings weniger verbreitet und zwar in sehr vielen, aber nicht allen Aspekten mit Lautsprachen direkt vergleichbar.
Naturliche Sprachen werden gemass ihrer genetischen Verwandtschaft in Sprachfamilien gegliedert. Dies ist vor allem bei den gesprochenen Sprachen ein sehr grosses Forschungsgebiet, da diese nicht nur viel verbreiteter sind, sondern auch historisch weit zuruckreichen. Aufschlusse uber fruhere Sprachstadien erhalt man durch Schriftzeugnisse oder indirekt, durch Methoden der Rekonstruktion in der Vergleichenden Sprachwissenschaft. So lassen sich auch Ruckschlusse auf die vorgeschichtliche Ausbreitung von Sprachen und die Ausbreitung der Menschheit ziehen.
Jede einzelne Sprache wird anhand der sogenannten Language Codes nach den ISO-639-Teilnormen international eindeutig klassifiziert. Die Zahl der gegenwartig verwendeten menschlichen Sprachen liegt in der Grossenordnung von etwa 7000.[1][2] Bei etwa 200 Staaten auf der Welt ergibt das also einen rechnerischen Durchschnittswert von 35 Sprachen pro Staat (ein realistischer Durchschnittswert musste hoher sein, da eine Sprache in mehreren Staaten vorkommen kann). Die Verteilung ist aber sehr ungleich: Auf ganz Europa (ca. 50 Staaten) entfallen hochstens 280 Sprachen, aber alleine auf den Staat Papua-Neuguinea 830 Sprachen und auf Indonesien etwa 700.[3] - Deutschland liegt in diesem Vergleich mit acht Sprachen am unteren Ende der Skala: Neben dem Hochdeutschen sind sieben weitere Sprachen als Regional- und Minderheitensprachen offiziell anerkannt (ohne die Sprachen von Einwanderern in historisch jungerer Zeit; die sieben sind Niederdeutsch, Danisch, Nordfriesisch, Saterfriesisch, Obersorbisch, Niedersorbisch, Romani, DGS; siehe unter Deutschland #Sprachen).
Mehr als die Halfte aller Sprachen sind vom Sprachtod bedroht, da sie kaum noch gesprochen und haufig auch nicht mehr an Kinder weitergegeben werden. Man vermutet, dass daher in den nachsten 100 Jahren ein grosser Teil der heute noch vorhandenen Sprachen verschwinden wird. Die haufigsten 200 Sprachen decken derzeit etwa 88 Prozent der Menschheit ab (als Muttersprache oder Zweitsprache).[4]
Die Frage, nach welchen Kriterien sich Sprache und Dialekt unterscheiden lassen, gilt als notorisch schwierig,[5] wird jedoch in den Theorien von Heinz Kloss als losbar gesehen (siehe hierzu auch den Artikel Dialekt).
Auch die naturliche Sprache kann von bewusster Planung beeinflusst werden. Varianten von ethnischen Sprachen werden im Zuge von sprachpolitischen Massnahmen manchmal zu einer Varietat nach Plan vereinheitlicht, wie etwa im Falle des Ladinischen in Sudtirol/Norditalien. Es gibt jedoch Grenzen der Regelbarkeit von naturlicher Sprache, da es sich bei sprachlichem Wissen um unbewusstes Wissen handelt, das auch sehr fruh im Leben erworben wird. Jede naturliche Sprache zeigt in diesem Kontext historische Veranderung, die uber Normierungsversuche oft hinweggeht.
Konstruierte Sprachen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Konstruierte Sprachen, auch Kunstsprachen oder kunstliche Sprachen, sind Sprachen, die von einer Person oder einer Gruppe bewusst und planmassig neu entwickelt wurden. Wenn die Verwendung einer Sprache darin besteht, diesem vorgegebenen Sprachplan zu folgen, handelt es sich nicht um eine naturliche Sprache. Die einzige konstruierte Sprache, die uber einen Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert eine grossere Sprechergemeinschaft aufweist, ist Esperanto. Im Fall des Esperanto wird darauf hingewiesen, dass es Muttersprachler gibt, und dass die Sprache sich innerhalb der Sprechergemeinschaft weiterentwickelt statt nur in Manualen. Insofern wird hier ein moglicher Fall eines Ubergangs zu einer naturlichen Sprache gesehen. Siehe hierzu im Artikel Naturliche Sprache.
Formale Sprachen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anders als die naturlichen Einzelsprachen gehen formale Sprachen aus den Systemen von Logik und Mengenlehre hervor. Sie werden uber eine aufzahlbare Menge von Basisausdrucken, ausformulierte Regeln der Komposition und Kriterien fur wohlgeformte Ausdrucke prazise und vollstandig erfasst. Formale Sprachen finden z. B. in der theoretischen Informatik, vor allem bei der Berechenbarkeitstheorie und dem Compilerbau Anwendung. Programmiersprachen wie ALGOL, APL, Fortran, COBOL, BASIC, C, C++, Ada, Lisp, Prolog, Python, Java oder Perl sind fur bestimmte Zwecke konstruiert und beruhen auf theoretischen sowie pragmatischen Uberlegungen.
Beschreibungsprinzipien formaler Sprachen werden heute in der Linguistik auch auf die naturliche Sprache angewendet; Pionierarbeit haben dazu der amerikanische Logiker Richard Montague und der Linguist Noam Chomsky geleistet.
Der Mathematiker Paul Lorenzen verfolgte mit seinem Projekt des Orthosprachenprogramms die Konstruktion einer eindeutigen und methodisch aufgebauten Wissenschaftssprache nach dem Idealbild formaler Sprachen, was aber selbst ,,in der methodischen Philosophie hochst umstritten" war.[6]
Einordnung in die allgemeine Semiotik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Auch die menschliche gesprochene Sprache kann als Zeichensystem im Sinne der allgemeinen Semiotik eingeordnet werden. Sie wird dann gegliedert in ein Inventar von einzelnen Zeichen und in grammatikalische Regeln (Syntaktik), durch die sie verknupft werden konnen. Ferdinand de Saussure konzipierte das Sprachzeichen als eine willkurliche, nicht zwingende Verbindung von Lautbild (signifiant = das Bezeichnende) und mentaler Vorstellung (signifie = das Bezeichnete). Eine Bedeutung (Semantik) haben sowohl Einzelzeichen als auch syntaktisch zusammengesetzte Zeichen; die wesentlichen Aspekte in der Bedeutung zusammengesetzter Zeichen mussen im Normalfall nach der Bedeutung der Einzelzeichen und der Art ihrer Verknupfung regelhaft ermittelt werden konnen (Kompositionalitatsprinzip).
Evolution der Sprachfahigkeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sprache als ,,Instinkt zu lernen"
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bereits Darwin unterschied zwischen der biologischen Fahigkeit des Menschen, die es ihm ermoglicht, Sprache zu erwerben, und bestimmten Sprachen als solchen.[7] Diese theoretische Unterscheidung wird von der modernen Kognitionsbiologie ubernommen. Babys haben einen Instinkt zu brabbeln, mussen aber Sprache lernen. Fur den Ethologen Peter Marler war daher Sprache wie fur Darwin kein Instinkt, sondern ,,Sprache ist ein Instinkt zu lernen, deren Ausdruck beinhaltet, dass sowohl biologische als auch externe Voraussetzungen erfullt sind".[8] Auf diesen ,,Instinkt", Sprache zu lernen, ist die biologisch evolutionare Erforschung der Sprachfahigkeit gerichtet. Ein wichtiges sprachbezogenes Gen, das in diesem Umfeld entdeckt wurde, ist FOXP2, ein phylogenetisch alter Transkriptionsfaktor, der fur die flexibel oral-motorische Stimmkontrolle eine Rolle spielt. FOXP2 erfuhr bei der Gattung Mensch vor mindestens 400.000 Jahren eine entscheidende Mutation, was man daraus schliesst, dass der Neandertaler dasselbe Allel besitzt.[9] Fur simple Aspekte der Syntax wurde ein Satz von vier charakteristischen Genen identifiziert.
Anatomie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die vorherrschende Ansicht zur evolutionaren Sprachfahigkeit des Menschen war bis etwa 2010, dass den anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) sein Sprechvermogen von den Menschenaffen unterscheide. Variationsreiche Sprache wurde demnach erst durch anatomische Veranderungen im Laufe der Stammesgeschichte des Menschen moglich. Wie ausgepragt das Sprechvermogen beim gemeinsamen Vorfahren von Neandertaler und Homo sapiens, dem Homo erectus, entwickelt war, ist unbekannt. Ebenso ist unbekannt, wie ,,fortgeschritten" das morphologische und funktionale Potential fur differenzierte sprachliche Kommunikation beim Ubergang von Homo erectus zum fruhen anatomisch modernen Menschen war. Die Vergrosserung des Rachenraumes (als Resonanzkorper), die Absenkung des Kehlkopfes und die bereits beim Homo erectus beginnende Aufwolbung des Gaumens wurden als Notwendigkeit zur grosseren Bewegungsfreiheit der Zunge gesehen. Im Zusammenwirken von Rachenraum, Mund- und Nasenhohle, Gaumensegel, Lippen und Zunge kann danach der von den Stimmbandern erzeugte Grundton zu Vokalen und Konsonanten moduliert werden. Schadelfunde belegen, dass die Aufwolbung des Gaumens und die Absenkung des Kehlkopfes vor etwa 100.000 Jahren abgeschlossen waren.
In der Kebara-Hohle bei Haifa in Israel wurde bei einem etwa 60.000 Jahre alten Skelett eines Neandertalers ein Zungenbein gefunden, was den Schluss zulasst, dass dieser Mensch zu Lauten fahig war. Anthropologen aus Durham vermuten, dass die Vorfahren der Neandertaler bereits vor mehr als 300.000 Jahren sprechen konnten. Sie verglichen die Grosse des ,,Canalis nervi hypoglossi", einer Offnung in der Schadelbasis, in Schadeln des modernen Menschen mit verschiedenen Fossilien. Nach Ansicht dieser Anthropologen ist ein grosser Nervus hypoglossus die Voraussetzung fur eine differenzierte Sprache. Durch diese Offnung an der Schadelbasis verlauft der Nerv, uber den das Gehirn die Zungenbewegung steuert. Wissenschaftler stellten fest, dass der Canalis nervi hypoglossi bei Neandertalern ahnlich gross war wie beim heutigen Menschen. Bei den Vormenschen der Gattung Australopithecus, die vor rund zwei Millionen Jahren lebten, ist er dagegen deutlich kleiner.
Jungere Forschungsergebnisse belegen, dass die Absenkung des Kehlkopfs kein allein menschliches Merkmal war, sondern im Tierreich vielfach vorkam, etwa beim Rothirsch oder Wapiti-Hirsch. Gleichzeitig wird die fruher geleugnete Dynamik und Rekonfigurierbarkeit des Stimmumfangs heute in empirischen Untersuchungen fur Tiere bestatigt, etwa bei vielen Saugetieren wie Hunden, Ziegen, Robben, ferner auch bei Alligatoren.[10] Wegen der phylogenetisch unterschiedlichen Abstammung der genannten Artenbeispiele wird angenommen, dass die Absenkung des Kehlkopfs ein evolutionar fruhes Merkmal war. Die Grunde dafur konnen, etwa beim Hirsch, in sexueller Selektion durch tieferliegende Vokalisation liegen. Die Lernfahigkeit fur Gesang ist auch Vogeln eigen.[11] Diese Erkenntnisse bedeuten, dass erstens der Vokaltrakt zu jedem Zeitpunkt der Primatenevolution ausreichend flexibel fur komplexe Sprachentwicklung war und zweitens Fossilfunde von Menschenvorfahren wenig Hinweise fur die Sprachfahigkeit liefern. Die evolutionaren Voraussetzungen fur Sprache werden heute vielmehr in der neurologischen Kontrolle bzw. in neurologischen Mechanismen und weniger in der Anatomie des Vokaltrakts gesehen.
Neuronale Voraussetzungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wahrend Sprache fruher als monolithische Einheit behandelt wurde, zerlegt die Kognitionsbiologie heute kognitive Sprachvoraussetzungen[12] in trennbare Komponenten und analysiert diese komparativ bei verschiedenen Tierstammen. Als Voraussetzungen fur die Evolution von Sprache werden dabei gesehen: soziale Intelligenz, Imitation, Blickkontakt-Sensitivitat, raumliche Blickfolgefahigkeit sowie die Theory of Mind. Diese Mechanismen formen Kernelemente tierischen sozialen Verhaltens. Unsere Fahigkeit, Gedanken sozial auszutauschen, erlaubt menschlichen Kulturen, Wissen auf eine Weise anzuhaufen, die ohne Sprache nicht moglich ware. Vorstufen der Sprache wurden in den vergangenen Jahren empirisch erforscht.[13] Nach heutigem Forschungsstand existiert keine evolutionar lineare Hoherentwicklung der Sprache mit zunehmender Annaherung von Tierstammen an den Menschen. Bei Vogeln werden in Tests ahnliche kognitive, voraussetzende Fahigkeiten gesehen wie bei Primaten.[10]
Protosprachenmodelle
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Sprachevolution erforscht Modelle von Protosprachen. Protosprache unterscheidet sich von Ursprache und meint alternative Kommunikations-Urformen (Modelle), aus denen die Ursprache, falls existent, erst entstehen konnte. Es werden drei Modelle unterschieden: das lexikale Modell,[14][15] das gestische Modell[16][17] und das musikalische Modell.[7][18] Alle Modelle sollten auf drei Komponenten der Sprache Antworten liefern, Signale, Syntax und Semantik. Diese Komponenten konnen als evolutionare Schlusselinnovationen betrachtet werden, die seit der Abspaltung des Menschen vom letzten gemeinsamen Vorfahren evolviert sind. Die lexikale Protosprache enthielt gesprochene Worter. Syntax als Innovation kam spater hinzu, ihr Entstehen, vor allem im Hinblick auf mehrere semantische Hierarchien, ist unklar, ebenso noch immer die kognitiven Mechanismen, um bei mehrdeutigen Worten eindeutige Wortmeinung im Sprachkontext eindeutig zu interpretieren. Situativ wechselnde Alarmrufe der sudlichen Grunmeerkatze konnen als Beispiel fur einen Urzustand lexikaler Protosprache gelten, die Rufe sind aber nicht erlernt im Sinne des Sprachlernens. Die lexikale Protosprache hat auch nicht die Eigenschaft der Absicht fur Informationsubermittlung. Das gestische Modell nimmt an, dass Sprache aus Zeigegesten entstanden ist. Zeichensprache kann heute eine vollstandige Sprache sein mit Syntax und Semantik. Menschenaffen beherrschen Zeigegesten besser als Sprache. Dann stellt sich die Frage, warum dieses Modell durch Sprache abgelost wurde. Das musikalische Modell geht auf Charles Darwin zuruck. Darwin nahm an, dass Vogelgesange und Sprache eine gemeinsame evolutionare Wurzel besitzen.[7] Darwin erkannte bereits die mehreren Komponenten der Sprache. Das Modell erfahrt wieder zunehmende Anerkennung, kann aber nicht das Entstehen von Semantik innerhalb von Melodien erklaren. Musik mit Instrumenten lasst sich beim Homo sapiens etwa 40.000 Jahre zuruckverfolgen.[19] Alle drei genannten Modelle konnen einen analogen oder konvergente Ursprunge haben; im ersten Fall ist eine Protoform einmal entstanden, im zweiten Fall mehrmals unabhangig.
Sprache als Handlung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die kommunikative Funktion der menschlichen Sprache
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sprache ist Trager von Sinn und Uberlieferung, Schlussel zum Welt- und Selbstverstandnis sowie zentrales Mittel zwischenmenschlicher Verstandigung.[20] Nach der Definition von Edward Sapir (1921) ist Sprache ,,eine ausschliesslich dem Menschen eigene, nicht im Instinkt wurzelnde Methode zur Ubermittlung von Gedanken, Gefuhlen und Wunschen mittels eines Systems von frei geschaffenen Symbolen".[21]
Viele Medientheorien - vor allem die technischen - fassen Sprache nicht als Medium, sondern als Kommunikationsinstrument auf, d. h. als neutrale Ermoglichungsbedingung fur die eigentlichen Medien. Sprache dient solchen Auffassungen nach lediglich der Reprasentation oder auch Ubermittlung mentaler Entitaten (Konzepte, Begriffe), wobei letztere als unabhangig von der Sprache gedacht werden. Man spricht deshalb von Reprasentationsmitteln.
Sprache als Medium des Denkens
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Geschriebene und gesprochene Sprache ist ein ,,Medium des Denkens und der Weltauffassung schlechthin": Diese Definition, wie sie zuerst Wilhelm von Humboldt vorlegte, geht davon aus, dass Sprache fur alle komplexeren Tatigkeiten und Denkvorgange des Menschen unverzichtbar ist. Sprache ist damit nicht erst ein ,,nachtragliches" Mittel zur Verstandigung zwischen Menschen, sondern jede Auffassung von Dingen und Sachverhalten in der Welt ist schon sprachlich strukturiert. Dinge und Sachverhalte werden durch die sprachliche Auffassung der Welt in Sinnzusammenhange gebracht. Der Mensch lebt demnach nicht in einer sinnlich aufgefassten Welt, uber die er sich erst nachtraglich und gelegentlich mittels Sprache verstandigt, sondern er lebt und arbeitet[22] ,,in der Sprache".
,,Jeder Mensch hat seine eigene Sprache. Sprache ist Ausdruck des Geistes."
Sprache und Macht
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Sprache kann zur Einschuchterung und zur Erhaltung von Macht eingesetzt werden (z. B. Mobbing, Denunziation, Demutigung). Als Unterdruckungsmechanismen in der mundlichen Kommunikation stellte Berit As die funf Herrschaftstechniken heraus. Der Verweis auf solche Wirkungen bestehenden Sprachgebrauchs kann es erlauben, einen solchen Zusammenhang uberhaupt erst thematisierbar zu machen.
Ein bekanntes Beispiel aus der Literatur fur den Versuch, durch Sprache Einfluss auf das Denken der Bevolkerung auszuuben, ist der 1949 veroffentlichte Roman 1984 von George Orwell. In diesem Werk wird ein fiktives diktatorisch herrschendes Regime beschrieben, das eine vorgeschriebene konstruierte Sprache namens ,,Neusprech" einsetzt, um die Kommunikation und das Denken der Bevolkerung in enge, kontrollierte Bahnen zu lenken.
Der Psychologe Steven Pinker betrachtete die so genannte euphemism treadmill (Euphemismus-Tretmuhle) - den Effekt, dass euphemistische Neologismen alle negativen Assoziationen der Worter aufnahmen, die sie ersetzten. Ein deutsches Wort in diesem Zusammenhang ist das euphemistische Wort ,,Restrukturierung", welches das Wort ,,Schliessung von Betrieben und Einrichtungen" ersetzen sollte, dabei jedoch den negativen Charakter ubernahm.
Korpersprache
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Als Korpersprache oder nonverbale Kommunikation (Verstandigung ohne Worte) wird jener Teil der zwischenmenschlichen Kommunikation bezeichnet, der nichtsprechend erfolgt. Trager entsprechender Botschaften sind Gestik, Mimik, Blickkontakt oder nichtsprachliche Lautierungen wie beispielsweise das Lachen, aber auch psycho-vegetative Ausserungen wie Erroten sowie die Gestaltung des Erscheinungsbilds durch Kleidung, Accessoires, Frisur, u. a.
Sprachwissenschaft
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Wissenschaft, die sich mit allen Aspekten von Sprache und Sprachgebrauch sowie mit einzelnen konkreten Sprachen befasst, ist die Linguistik oder Sprachwissenschaft. Dabei untersucht die Allgemeine Linguistik die menschliche Sprache als System und allgemeine Prinzipien, Regeln und Bedingungen von Sprache, wahrend die Linguistik in den einzelnen Philologien, vor allem in grossen Sprachen, thematisch auf eine Sprache (z. B. germanistische Sprachwissenschaft) oder Sprachgruppe (z. B. Slawistik) abzielt. Die Angewandte Linguistik behandelt Bereiche wie Fremdspracherwerb, Sprachstorungen und automatische Sprachverarbeitung, zu deren Verstandnis sprachwissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden beitragen konnen. Die Historische Linguistik befasst sich mit der Entwicklung und der genetischen Verwandtschaft von Sprachen, mit der Entwicklung und Veranderung von einzelnen Sprachelementen sowie mit Sprachwandel generell. Die Vergleichende Sprachwissenschaft erarbeitet Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Sprachen, klassifiziert sie nach bestimmten Kriterien und versucht Sprachuniversalien, also Eigenschaften, die alle oder sehr viele Sprachen gemeinsam haben, zu eruieren. Die Biolinguistik schliesslich befasst sich mit den biologischen Grundlagen[23] - der Evolution - von Sprache.
Innerhalb der Sprachwissenschaft existiert eine Vielzahl von grosseren und kleineren Teilgebieten, die sich mit speziellen Aspekten von Sprache befassen, so etwa mit gesprochener und geschriebener Sprache, mit dem Zusammenhang zwischen Sprache und Denken, Sprache und Realitat (siehe Sprachphilosophie) oder Sprache und Kultur. Der Gebrauch von Sprache unter normativen Aspekten wird beschrieben in Worterbuchern (Rechtschreibworterbuchern, Stilworterbuchern etc.) und in Gebrauchsgrammatiken.
Sprache im Tierreich
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Tiere kommunizieren mit Hilfe ihrer korpersprachlichen Signale, Duftstoffe, Laute, ihrer Farbgebung, u. a. Die entsprechenden Signale im Tierreich sind in der Regel festgelegt; sie konnen nicht ohne Weiteres zu neuen Bedeutungen bzw. Aussagen frei kombiniert werden.
Einige Tiere konnen Lautfolgen wie Menschen bilden, gegebenenfalls also sprachliche Ausserungen von Menschen nachahmen (Papageien, Robben, Delfine, Raben, Elefanten).
Der Schwanzeltanz der Bienen wird oft Bienen- oder sogar Tanzsprache genannt. Es ist allerdings fraglich, ob und gegebenenfalls wieweit in dem damit gemeinten, real instinktiv geregelten Signalverhalten eine Ahnlichkeit zur menschlichen Sprache besteht. Ob Vogel, Delfine oder Primaten eine der menschlichen Lautsprache ahnliche Sprache kennen und mit ihrer Hilfe wechselseitig kommunizieren, wird diskutiert. Es handelt sich hier allem Anschein nach lediglich um einen eingliedrigen und einseitigen Signalgang zwischen Sender und Empfanger, wie Tierhalter ihn sich bei der Dressur beispielsweise von Hunden zunutze machen.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Liste aller Wikipedia-Artikel, deren Titel mit Sprache beginnt
- Liste aller Wikipedia-Artikel, deren Titel Sprache enthalt
- Liste der meistgesprochenen Sprachen
- Rede
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- David Crystal: Die Cambridge Enzyklopadie der Sprache. Campus, Frankfurt 1995, ISBN 3-88059-954-8.
- Rolf Elberfeld: Sprache und Sprachen. Eine philosophische Grundorientierung. Karl Alber, Freiburg im Breisgau / Munchen 2012, ISBN 978-3-495-48476-0.
- Steven Roger Fischer: Eine kleine Geschichte der Sprache. 2., ungekurzte Ausgabe. DTV, Munchen 2004, ISBN 3-423-34030-4.
- Harald Haarmann: Kleines Lexikon der Sprachen. Von Albanisch bis Zulu. Beck, Munchen, ISBN 3-406-47558-2.
- Tim Henning/Nikola Kompa/Christian Nimtz: Die dunkle Seite der Sprache. Wie Worte ausgrenzen, abwerten und manipulieren. C. H. Beck, Munchen 2025, ISBN 978-3-406-83097-6.
- Hans Hormann: Psychologie der Sprache. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 1970; 2., uberarbeitete Auflage (Sprache) ebenda 1977, ISBN 3-540-08174-7.
- John Lyons: Die Sprache. 4. Auflage. Beck, Munchen 1992, ISBN 3-406-09400-7.
- Johannes Heinrichs: Sprache in 5 Banden: 1. Die Zeichendimension, 2. Die Bedeutungsdimension, 3. Die Handlungsdimension, 4. Die Satzbauformel, 5. Stilistik. Steno, Munchen 2008/9, ISBN 978-954-449-448-3.
- Jurgen Trabant: Was ist Sprache. C.H. Beck bsr, Munchen 2008.
- Jurgen Trabant: Die Sprache. C.H. Beck bsr Wissen, Munchen 2009.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Die Sprachen der Welt - Sprachfamilien und Einzelsprachen
- Rosetta-Projekt: Informationen zu Sprachen der Welt (englisch)
- Ethnologue: Informationen zu Sprachen der Welt (englisch)
- Manfred Krifka: Die Bedrohung der sprachlichen Vielfalt. Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, 2022.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- | 6912 laut National Geographic Society (2005). National Geographic: Planet Erde 2008, Unsere Welt im Wandel: Zahlen, Daten, Fakten. S. 87.
- | 7164 laut ethnologue.com, abgerufen am 28. April 2024.
- | Wo die meisten Sprachen gesprochen werden. In: DiePresse.com. 3. Januar 2019, abgerufen am 9. April 2023.
- | Ethnologue.com, die ,,Ethnologue 200". Abgerufen am 9. April 2023.
- | J. K. Chambers & Peter Trudgill: Dialectology. 2. Auflage. Cambridge, Cambridge University Press 1998, S. 4.
- | so Peter Janich: Logisch-pragmatische Propadeutik. 2001, S. 13.
- | a b c Charles Darwin: Die Abstammung des Menschen. Fischer 2009, S. 106 ff.
- | zit. n.: Musical protolanguage. Darwins theory of language evolution revisited
- | J. Krause, C. Lalueza-Fox, L. Orlando, W. Enard, R. E. Green, H. A. Burbano, J. J. Hublin, C. Hanni, J. Fortea J, M. de la Rasilla, J. Bertranpetit, A. Rosas, S. Paabo: The derived FOXP2 variant of modern humans was shared with Neandertals. In: Curr Biol. 17(21), 6 Nov 2007, S. 1908-1912. Epub 2007 Oct 18.
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- | Vocal learning and vocal control in pinnipeds
- | Vgl. auch Daniel N. Osherson, Howard Lasnik: Language. An Invitation to Cognitive Science. Band 1. The MIT Press, Cambridge, Mass., 1990.
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- | M. A. Arbib: From monkey-like action recognition to human language: an evolutionary framework for neurolinguistics. In: Behav. Brain Sci. 28, 2005, S. 105-124, discussion 125-167.
- | Musical protolanguage. Darwins theory of language evolution revisited.
- | Tecumseh Fitch: The biology and evolution of music: A comparative perspective. In: Cognition. 100, 2006, S. 173-215.
- | Sprachliche Bildung: Pflege und Erhalt der deutschen Sprache als Aufgabe aller Schularten und aller Facher. Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums fur Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst vom 17. Juni 2014 (KWMBl. 2014, S. 98), verkuendung-bayern.de (PDF; 557 kB)
- | Zitiert nach John Lyons, 4. Auflage. 1992, S. 13.
- | Friedrich Engels: Dialektik der Natur. In: Karl Marx/Friedrich Engels-Werke. Dietz Verlag, Berlin 1962, Band 20, S. 447.
- | Vgl. auch Eric Heinz Lenneberg: Biological Foundations of Language. John Wiley & Sons, New York 1967, ISBN 0-471-52626-6; deutsch: Biologische Grundlagen der Sprache. Mit einem Anhang von Noam Chomsky. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1972, ISBN 3-518-07368-0.