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Walter Simons

aus Wikipedia, der freien Enzyklopadie
Walter Simons, September 1931

Walter Simons (* 24. September 1861 in Elberfeld (heute Stadtteil von Wuppertal); + 14. Juli 1937 in Nowawes bei Potsdam) war ein deutscher Jurist und parteiloser Politiker. Der fruhere Ministerialbeamte im Auswartigen Amt war von 1920 bis 1921 Reichsaussenminister. Von 1922 bis 1929 diente er als Prasident des Reichsgerichts. Nach dem Tod Friedrich Eberts fuhrte er von Februar bis Mai 1925 als Stellvertreter die Geschafte des Reichsprasidenten.

Walter Simons wurde als Sohn des Fabrikbesitzers Louis Simons (1831-1905) und seiner Frau Helene geb. Kyllmann (* 1842) in Elberfeld (Rheinprovinz) in der Villa Simons geboren. Mutterlicherseits war er Enkel des Kaufmanns und Politikers Gottlieb Kyllmann und Neffe des Architekten Walter Kyllmann. Vaterlicherseits war er Enkel des Unternehmers Friedrich Wilhelm Simons-Kohler und Grossneffe des preussischen Justizministers Ludwig Simons. Er war ein Schuler des Juristen Rudolph Sohm, vom Humanismus gebildet und vom Pietismus gepragt.

Nach dem Studium von Geschichte, Philosophie, Recht und Nationalokonomie in Strassburg, Leipzig und Bonn. Er wurde im Sommersemester 1882 Mitglied im Bonner Kreis.[1] Nach dem ersten juristischen Staatsexamen 1882 leistete er Militardienst. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen 1888 war er zunachst Hilfsrichter, bis er 1893 Amtsgerichtsrat in Velbert wurde. Nach Positionen am Reichsjustizamt 1905 und am Auswartigen Amt 1911 wurde Simons im Oktober 1918 Chef der Reichskanzlei. Als solcher nahm er an den Verhandlungen zum Frieden von Bukarest mit Rumanien und zum Frieden von Brest-Litowsk mit Sowjetrussland teil. Am 4. Oktober 1918 holte Reichskanzler Max von Baden Simons als seinen personlichen Vertrauten im Amt eines Ministerialdirektors in die Reichskanzlei. Von hier aus verkundete Simons am 9. November 1918, Kaiser Wilhelm II. habe auf den Thron verzichtet. Simons wollte mit dieser wahrheitswidrigen Verlautbarung der Ausrufung der Republik in Deutschland zuvorkommen und die Monarchie retten, was misslang.[2]

Simons wechselte im Dezember 1918 in die Rechtsabteilung des Auswartigen Amtes. In dieser Funktion war er Generalsekretar der deutschen Friedensdelegation in Versailles und trat zuruck, weil er den Vertrag von Versailles ablehnte. 1919/1920 war Simons leitender Geschaftsfuhrer im Reichsverband der Deutschen Industrie.[3]

Vom 25. Juni 1920 bis zum 4. Mai 1921 war Walter Simons Aussenminister der Weimarer Republik im Kabinett Fehrenbach, einer Regierungskoalition aus Zentrum, DDP und DVP. Der Historiker Hans Mommsen sah in der Berufung des parteilosen Karrierejuristen Simons den Versuch, die Aussenpolitik bei den anstehenden schwierigen Reparationsverhandlungen mit den Siegermachten von innenpolitischen Rucksichten auf den Reichstag freizuhalten.[4] Dies gelang nur teilweise. Simons vertrat Deutschland bei der Konferenz von Spa im Juli 1920. Dabei gelang es den Deutschen zwar nicht, die Reparationsforderungen der Siegermachte zu senken, aber immerhin wurde ihnen zugestanden, zu den sich anschliessenden Expertenberatungen eigene Vertreter zu entsenden. Die Zeit der einseitigen Diktate schien damit vorbei. Zu diesem Teilerfolg trug Simons mit seiner verbindlichen Art bei: er konnte den ,,ublen Eindruck" (Peter Kruger) abmildern, den der deutsche Experte Hugo Stinnes mit einer auftrumpfenden Rede bei den Siegermachten hinterlassen hatte.[5]

Auf der Konferenz von London im Fruhjahr 1921 erlebte die deutsche Delegation eine Niederlage, auch weil sie zerstritten war: Simons wollte Grossbritannien, Frankreich, Italien, Belgien und Japan in der Reparationsfrage entgegenkommen und hoffte als Gegenleistung auf eine internationale Anleihe fur Deutschland, doch die Interessenvertreter der Wirtschaft widersetzten sich. Der Plan, den Simons unter starkem innenpolitischem Druck am 1. Marz 1921 vorlegte, verband ein Zahlungsangebot in Hohe von 50 Milliarden Goldmark mit der Forderung nach Zugestandnissen der Siegermachte in der Kriegsschuldfrage. Als diese jedoch ultimativ eine Unterschrift unter ihren Zahlungsplan verlangten, weigerten sich Kanzler Constantin Fehrenbach und Simons: Sie reisten unter Protest ab, was in Deutschland zunachst als Geste der Festigkeit allgemein bejubelt wurde. Das Ergebnis war am 8. Marz 1921 die Besetzung von Dusseldorf, Duisburg und Ruhrort durch britische, franzosische und belgische Truppen. Simons' Vermittlungsbitte an die Vereinigten Staaten verhallte ungehort. Am 4. Mai legten die Reparationsglaubiger den Londoner Zahlungsplan vor, der eine deutsche Reparationsschuld von 132 Milliarden Goldmark vorsah, die noch verzinst werden sollte. Dies glaubte Simons nicht verantworten zu konnen und trat mit dem ganzen Kabinett am selben Tag zuruck.[6] Das nachfolgende Kabinett Wirth I nahm das Londoner Ultimatum am 10. Mai 1921 an.

Der britische Premierminister David Lloyd George hatte Simons wahrend der Verhandlungen in einem Interview mit dem Petit Parisien als ,,sehr intelligent und sehr ehrlich, aber nicht stark genug" bezeichnet; Deutschlands Problem sei es, dass es nach dem verlorenen Krieg noch keinen ,,starken Mann" wie Leon Gambetta oder Adolphe Thiers gefunden habe. Diese Passage wurde 1926 von Adolf Hitler in Mein Kampf als Beleg fur die angebliche Schwachlichkeit burgerlicher Regierungen zitiert, die nicht entschieden den Marxismus bekampften. Allerdings unterliefen Hitler dabei zwei Fehler, denn er schrieb von dem ,,ehemaligen Reichskanzler Simon [sic!]".[7]

Schreiben Dr. Simons als stellvertretender Reichsprasident mit Briefkopf ,,Der Reichsprasident".

Simons war von 1922 bis 1929 Prasident des Reichsgerichts in Leipzig, ernannt vom sozialdemokratischen Reichsprasidenten Friedrich Ebert. Ebert starb am 28. Februar 1925; als Prasident des Reichsgerichts nahm Simons gemass Art. 51 der Weimarer Verfassung i. V. m. SS 1 Gesetz uber die Stellvertretung des Reichsprasidenten v. 10. Marz 1925[8] stellvertretend die Aufgaben des Reichsprasidenten wahr. Am 12. Mai 1925 wurde Paul von Hindenburg als neuer Reichsprasident vereidigt. Im Vorfeld der Reichsprasidentenwahl 1925 war Simons mehrfach als Kandidat im Gesprach; die Uberlegungen unterschiedlicher Parteienkonstellationen kamen aber zu keinem konkreten Ergebnis.

Im November 1926 hielt Simons einen vielbeachteten Vortrag uber die ,,Vertrauenskrise der deutschen Justiz". Darin drehte er die Vorwurfe von SPD und DDP gegen einseitig rechtsgerichtete Urteile der Weimarer Justiz um und sprach uber eine ,,Krise des Vertrauens der Justiz zum deutschen Staat", ausgelost durch eine Demokraten bevorzugende Personalpolitik. Er griff speziell den von Hugo Sinzheimer, Robert Kempner, Fritz Bauer und Ernst Fraenkel gegrundeten Republikanischen Richterbund an: Sozialdemokraten konnten, so Simons, aufgrund ,,innerer Hemmnisse" niemals Richter sein, da sie weniger dem Recht als dem Klassenkampf verpflichtet seien. Justizminister Gustav Radbruch (SPD) entgegnete ihm in der sich anschliessenden Kontroverse, der Klassenkampf von oben sei schadlicher als der sozialdemokratische Klassenkampf von unten, weil er unbewusst verlaufe und damit der Selbstkontrolle und Selbstkritik entzogen sei.[9]

Sein Amt am Reichsgericht legte er 1929 aus Protest gegen eine seiner Ansicht nach verfassungswidrige Einmischung der Reichsregierung in ein schwebendes Verfahren nieder. Ab 1929 war Simons Professor fur Volkerrecht in Leipzig.

Simons engagierte sich im Deutsch-Franzosischen Studienkomitee, das eine Verstandigung zwischen zumeist konservativen Wirtschaftsfuhrern und Politikern anzubahnen versuchte.[10] Ausserdem war er Mitglied des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses und von 1925 bis 1935 Prasident des Evangelisch-Sozialen Kongresses. Simons vertrat die lutherische Konfession auch international offentlich auf der Stockholmer Konferenz 1925. Im Januar 1932 engagierte sich Simons mit mehreren Adligen, Industriellen und Vertretern der politischen Rechten wie Detlof von Winterfeldt, Adolf Tortilowicz von Batocki-Friebe, Carl Duisberg, Kuno Graf Westarp und Georg Escherich fur eine erneute Kandidatur Hindenburgs zum Amt des Reichsprasidenten.[11]

Simons bildete gemeinsam mit Hans von Seeckt und Wilhelm Solf den Vorstand des SeSiSo-Clubs, der im Berliner Hotel Kaiserhof kulturelle Veranstaltungen fur das liberale Bildungsburgertum veranstaltete, haufig gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft 1914, deren Vorsitzender Wilhelm Solf war. So ein Treffen fand auch zum Zeitpunkt der Machtubergabe an Hitler statt, als Harry Graf Kessler im Hotel Kaiserhof den Clubmitgliedern einen Vortrag hielt. Die ehemaligen Angehorigen des SeSiSo-Clubs bildeten spater zu weiten Teilen die Widerstandsgruppe Solf-Kreis.[12] In seinen Veroffentlichungen zu Themen des Volkerrechts unterstutzte Simons in der Zeit des Nationalsozialismus Hitlers Aussenpolitik sowie die Positionen des faschistischen Italiens im Abessinienkrieg 1935 und der Falangisten im spanischen Burgerkrieg.[13]

Walter Simons war der Vater des Juristen Hans Simons und der Rechtsanwaltin Tula Huber-Simons, Schwiegervater des Staatsrechtlers Ernst Rudolf Huber und Grossvater des Theologen Wolfgang Huber. Sein Grab befindet sich auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof Stahnsdorf.

Auszeichnungen und Ehrungen

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Simons ist der einzige Deutsche, den Nathan Soderblom in seiner Nobelpreisrede von 1930 als Forderer des Friedens in seiner Generation erwahnt.[14]

  • Christentum und Verbrechen, Leipzig 1925.
  • Religion und Recht (Vorlesungen gehalten an der Universitat Uppsala), Berlin-Tempelhof 1936.
  • Kirchenvolk und Staatsvolk, Leipzig 1937 (= Leipziger rechtswissenschaftliche Studien, Band 100).
  • Hellmuth Auerbach: Simons, Walter, Richter. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik. C.H. Beck Verlag, Munchen 1988, S. 314 f.
  • Horst Grunder: Walter Simons als Staatsmann, Jurist und Kirchenpolitiker. Schmidt, Neustadt an der Aisch 1975 (= Bergische Forschungen, Band 13).
  • Ernst Rudolf Huber: Walter Simons 1861-1937. In: Wuppertaler Biographien. 9. Folge, Wuppertal 1970 (= Beitrage zur Geschichte und Heimatkunde des Wuppertals, Band 17), S. 61-79.
  • Martin Otto: Simons, Walter. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 24. Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-11205-0, S. 441-443 (deutsche-biographie.de).
Commons: Walter Simons - Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. | Album des Bonner Kreises. Als Handschrift gedruckt. 1854-1906. Bonn 1906, S. 41 (Nr. 256)
  2. | Hellmuth Auerbach: Simons, Walter, Richter. In: Wolfgang Benz und Hermann Graml (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik. C.H. Beck Verlag, Munchen 1988, S. 314 f.
  3. | Hellmuth Auerbach: Simons, Walter, Richter. In: Wolfgang Benz und Hermann Graml (Hrsg.): Biographisches Lexikon zur Weimarer Republik. C.H. Beck Verlag, Munchen 1988, S. 315 f.
  4. | Hans Mommsen: Aufstieg und Untergang der Republik von Weimar 1918-1933. Ullstein, Berlin 1998, S. 119 f.
  5. | Peter Kruger: Die Aussenpolitik der Republik von Weimar. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, S. 111.
  6. | Hagen Schulze: Weimar. Deutschland 1917-1933. Siedler, Berlin 1994, S. 227 ff.; Peter Kruger: Die Aussenpolitik der Republik von Weimar. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, S. 122-132.
  7. | Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plockinger, Roman Toppel (Hrsg.): Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition. Institut fur Zeitgeschichte Munchen-Berlin, Munchen 2016, Bd. 2, S. 1716 f.
  8. | RGBl. 1925 I, S. 17.
  9. | Daniel Siemens: Die ,,Vertrauenskrise der Justiz" in der Weimarer Republik. In: Moritz Follmer, Rudiger Graf (Hrsg.): Die ,,Krise" der Weimarer Republik, Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2005, S. 154.
  10. | Gerhard Schulz: Von Bruning zu Hitler. Der Wandel des politischen Systems in Deutschland 1930-1933 (= Zwischen Demokratie und Diktatur. Verfassungspolitik und Reichsreform in der Weimarer Republik. Bd. 3). Walter de Gruyter, Berlin, New York 1992, S. 907.
  11. | Gerhard Schulz: Von Bruning zu Hitler. Der Wandel des politischen Systems in Deutschland 1930-1933 (= Zwischen Demokratie und Diktatur. Verfassungspolitik und Reichsreform in der Weimarer Republik. Bd. 3). Walter de Gruyter, Berlin, New York 1992, S. 725 f.
  12. | Eberhard von Vietsch: Wilhelm Solf - Botschafter zwischen den Zeiten. Wunderlich Verlag, Tubingen 1961.
  13. | Martin Otto: Simons, Walter. In: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), abgerufen am 12. Juli 2017.
  14. | Webseite des Nobelpreiskomitees.
Kabinett Fehrenbach - 25. Juni 1920 bis 4. Mai 1921

Constantin Fehrenbach (Reichskanzler, Zentrum) | Rudolf Heinze (DVP) | Walter Simons (parteilos) | Erich Koch-Weser (DDP) | Joseph Wirth (Zentrum) | Ernst Scholz (DVP) | Andreas Hermes (Zentrum) | Heinrich Brauns (Zentrum) | Otto Gessler (DDP) | Wilhelm Groener (parteilos) | Johannes Giesberts (Zentrum) | Hans von Raumer (DVP)

VorgangerAmtNachfolger
Julius SmendPrasident der Neuen Bachgesellschaft
1930-1936
Erwin Bumke
Personendaten
NAME Simons, Walter
KURZBESCHREIBUNG deutscher Jurist und Politiker
GEBURTSDATUM 24. September 1861
GEBURTSORT Elberfeld (heute: Wuppertal-Elberfeld)
STERBEDATUM 14. Juli 1937
STERBEORT Nowawes, Babelsberg (heute: Potsdam)