Midrasch
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Midrasch (hebraisch midraSH midras; Plural Midraschim) ist die Auslegung religioser Texte im rabbinischen Judentum.[1]
Wortbedeutung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Dem Wort ,,Midrasch" liegt das hebraische Verb darash (drSH) zugrunde, das ,,fordern" bzw. ,,suchen" bedeutet. Mit Midrasch ist der Vorgang des exegetischen, auf die Gegenwart bezogenen Auslegens von Schriftstellen gemeint, also zunachst ,,Forschung, Studium", dann ,,Auslegung" und ,,Lehre" (also ,,Theorie", im Unterschied zum ,,Tun", hebraisch ma'ase). Unter Midrasch versteht man sowohl den Vorgang des Studierens als auch dessen Ergebnis, also Schriftwerke, die Bibelauslegungen enthalten. Midraschim beziehen sich auf autoritative Texte der judischen Religion und finden sich u. a. im Tanach und im Talmud.
Er kann in schriftlicher oder mundlicher Form vorliegen. Der darschan ist der Schriftausleger, der Prediger oder, davon abgeleitet, der Ermahner. Die Drascha ist, wie Midrasch selbst, eine Auslegung der Schrift oder Predigt. Die begriffliche Abgrenzung zum peschat, d. h. zur ,,einfachen", wortlichen Bedeutung eines Ausdrucks, ist nicht immer einfach. Auch ein Targum, d. h. eine Bibelubersetzung, kann Stellen enthalten, die interpretativ im Sinne eines Midrasch ubertragen sind.
Die erste Erwahnung von bet midrasch, ,,Lehrhaus", findet sich in Sir 51,23 EU.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Midrasch ist sicher zunachst eine mundliche Form der Schriftauslegung. Die ersten schriftlichen Beispiele finden sich jedoch bereits in der Bibel selbst. So konnen etwa die Bucher der Chronik als Midraschim (Pl. von Midrasch) zu den Buchern Samuel und Konige verstanden werden.
Die grosste Bedeutung erlangte der Midrasch jedoch in der Zeit des rabbinischen Judentums ab dem Jahr 70 n. Chr. Aus dieser Zeit stammen die wesentlichen schriftlichen Belege. Dabei handelt es sich um eigenstandige Textsammlungen, die neben den Werken des Talmud entstanden. Der Entstehungsort der Midraschim ist ganz uberwiegend das Land Israel, das babylonische Judentum hat nur wenig zu dieser Gattung beigetragen.
Formen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Es werden vor allem zwei Formen des Midrasch unterschieden. Eine klare Abgrenzung ist jedoch oft schwierig, so dass Mischformen anzutreffen sind:
Halachische Midraschim
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Halacha ist die Auslegung gesetzlicher Vorschriften im Judentum. Dementsprechend behandeln halachische Midraschim ausschliesslich Texte der Tora, insbesondere die biblischen Bucher Schemot (hebraisch SHmvot ,Namen' ,2. Buch Mose' ,Exodus') bis Devarim (hebraisch dbariym ,Worte' ,5. Buch Mose' Deuteronomium''). Wegen ihrer Entstehung in der tannaitischen Zeit werden die halachischen Midraschim auch tannaitische Midraschim genannt.
Folgende Werke mit einem textlichen Grundbestand aus tannaitischer Zeit zahlen zu den halachischen Midraschim (Auswahl):
- Mekhilta de Rabbi Jischmael (Auslegungen zum Buch Exodus, Endredaktion nach 250, Erstdruck Konstantinopel 1515)
- Sifra: Auslegungen zum Buch Wajikra, (hebraisch vayikraA ,Und er rief' ,3. Buch Mose' ,Levitikus') entstanden vermutlich nach 180; Sifra (sipraA, aramaisch = ,,das Buch"); Lev. war im altjudischen Schulsystem das erste Buch, mit dem der Unterricht begann, auch Torat Kohanim (Lehre von den Priestern / Priestergesetz) oder auch Sifra dewe (debe) Rab / Buch aus der Schule Rabs genannt, halachischer/tannaitischer Midrasch zu Leviticus / Wajikra, der ganz Leviticus Vers fur Vers, oft sogar Wort fur Wort, kommentiert (Erstdruck Konstantinopel 1523; Konkordanz B. Kosovsky, Otsar Leschon ha-Tannaim. Sifra, 4 Bde., New York-Jerusalem 1967-1969); die Entstehungszeit fur Sifra wird unterschiedlich diskutiert (bis ins 6. Jahrhundert hinein datiert), der Grundbestand des Textes ist jedenfalls aus tannaitischer Zeit
- Sifre: Sifre Numeri (Auslegungen zum Buch Bemidbar, (hebraisch bamidbar ,In der Wuste' ,4. Buch Mose' ,Numeri') entstanden vermutlich nach 250); Sifre Deuteronomium (Auslegungen zum Buch Deuteronomium): Sifre (aram. ,,die Bucher") bzw. Sifre dewe Raw (,,Bucher aus der Schule Raws"), halachischer (aber grosse haggadische Anteile) Midrasch zu Numeri und Deuteronomium, wohl aus der Schule Jischmaels (Sifre Num) bzw. aus den Schulen Jischmaels und Akibas (Sifre Dtn); Sifre ursprunglich die Bezeichnung aller tannaitischen Pentateuchkommentare, seit dem Mittelalter Name der Kommentare zu Num und Dtn; kein einheitliches Werk, sondern unterschiedliche Sammlungen in deutlich schlechterem Uberlieferungszustand als Mechilta oder Sifra, Entstehungszeit nach 250 (?); Sifre nicht zu verwechseln mit Sifre Zutta (,,die kleinen Sifre", auch: Sifre Suta oder Sifre schel panim acherim), halachischer Midrasch zu Bamidbar / Numeri, nur fragmentarisch uberliefert, evtl. der alteste halachische Midrasch, zuruckgehend auf den erweiterten Kreis der Schule Rabbi Akibas.
Aggadische Midraschim
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nichtgesetzliche Auslegungen nennt das rabbinische Judentum Aggada (auch: Haggada). Aggadische Midraschim (dementsprechend: haggadische Midraschim) beschaftigen sich folglich mit den erzahlerischen Teilen der Bibel und werden auch als homiletisch bezeichnet. Die wichtigsten Werke dieser Gattung (Sammelbezeichnung fur all diese zum Teil vollig unterschiedlichen Werke: Midrasch rabba, ,,der grosse Midrasch") sind:
- Bereschit Rabba / Genesis Rabba / GenRabba (auch: Bereschit de Rabbi Oschaja / Baraita de Bereschit Rabba): Auslegungsmidrasch zum Buch Genesis, enthalt viele spatere Zusatze (insbes. die Auslegungen zum Jakobssegen), entstanden im 5. Jahrhundert; nicht zu verwechseln mit der mittelalterlichen Midrasch-Kompilation Bereschit Rabbati, die vermutlich aus dem 11. Jahrhundert stammt
- Wajjiqra Rabba / Levitikus Rabba / LevRabba (auch: Haggadat Wajjiqra / Haggada de-Wajjiqra u. a.): im Land Israel entstandener Homilienmidrasch zum Buch Leviticus, enthalt eine grosse Sammlung von Sprichwortern, der alteste homiletische Midrasch, aus 37 Predigten bestehend, die dem in Israels Synagogen ublichen dreijahrigen Lesezyklus folgen, entstanden im 5. Jahrhundert, Erstdruck Konstantinopel 1512
- Echa Rabbati / Klagelieder Rabba / KlglRabba / Echa Rabbati [Ekha Rabbati] (auch: Megillat echa, Megillat echa rabba, Midrasch Threni, Aggadat Ekha [Rabbati], Megillat Ekha [Arukh], Midrasch Qinot, Midrasch Ekha): Kommentar zum Buch Klagelieder, entstanden im 5. Jahrhundert, Endredaktion im 7. Jahrhundert; enthalt gleich der biblischen Schrift 5 Kapitel und sammelt zahlreiche Traditionen und Legenden uber die beiden judischen Aufstande gegen Rom; auch Darstellung des Martyriums der sieben ,,makkabaischen Bruder".
- die Pesiqta de-Rav Kahana / Pessikta de Raw Kahana / PRK (auch: kurz Pesiqta [Pesiqta: ,,Abschnitt", ,,Entscheidung"] genannt): palastinische Predigtsammlung zu verschiedenen Schriftlesungen (aus Tora oder den Propheten), hier zu verschiedenen Festtagen und ,,ausgezeichneten Sabbaten", benannt nach Rabbi Kahana (nicht der Verfasser, sondern der zu Beginn Genannte), der im 3. oder 4. Jahrhundert lebte; die alteste Sammlung ihrer Art, entstanden nach 300, am ehesten um die Mitte des 5. Jahrhunderts; PRK eng verwandt mit LevRabba (funf Paraschen gemeinsam)
- Pesiqta Rabbati / PesR (auch: Pesiqta gedola, Pesiqta rabbeta): ,,Vermischtes", palastinische Homiliensammlung zu verschiedenen Schriftlesungen (verschiedene judische Feste und ,,ausgezeichnete" Sabbate betreffend), die ,,grosse" genannt, weil sie eine grossere Zahl von Homilien als die Pesiqta de-Rav Kahana enthalt; viele Teile des Textbestands wesentlich alter, kein einheitliches Werk, entstanden nach 500.
Tanchuma
- Tanchuma bzw. Jelammedenu (Jelamdenu): in Palastina nach dem 8. Jahrhundert entstandener, nicht zur Midrasch Rabba-Gruppe gezahlter popularer Homilien-Midrasch und Gruppe solcher Midraschim zum ganzen Pentateuch; die Bezeichnung Tanchuma stammt vom Amoraer Tanchuma bar Abba (palastinischer Rabbine gegen Ende des 4. Jhds.), weil mehrere Homilien beginnen: ,,So hat Rabbi Tanchuma bar Abba eingeleitet"; Jelammedenu heisst der Midrasch nach der halachischen Einleitungsformel Jelammedenu rabbenu, ,,es lehre uns unser Meister"; es existieren divergierende Textuberlieferungen, in deren Tradition auch DtnRabba gehort ebenso wie Teile von ExRabba, NumRabba und Teile aus der PesR (Pesiqta Rabbati)
Unterschied zwischen Midraschim und Talmudim
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Midraschim, vor allem die halachische Midraschim entstanden historisch zuerst, vor oder parallel zur Gesamtmischna.[2] Der Talmud[3] entwickelte sich auf Basis der Mischna[4] und enthalt wiederum selbst midraschartige Elemente, dies vor allem in der Gemara.[5][6][7]
| Merkmal | Midraschim | Talmudim |
|---|---|---|
| Form | Sammlung von Bibelauslegungen (meist Vers fur Vers) | Systematische Diskussionen uber Gesetzestexte |
| Ziel | Auslegung des Tanachs (Tora) | Erklarung und Anwendung der Mischna |
| Inhalt | Biblische Kommentare (halachisch und aggadisch) | Halachische und aggadische Diskussionen zur Mischna |
| Struktur | Meist thematisch oder Vers-fur-Vers | Diskussion in Form von Dialog und Debatte |
| Sprache | Hebraisch, manchmal Aramaisch | Mischna auf Hebraisch, Gemara auf Aramaisch |
Ausgaben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- E. E. Hallewy: Midrasch Rabba. Acht Bande. Tel Aviv 1956-1963.
- Mose Arieh Mirkin: Midrasch Rabba. Elf Bande. Yavnah, Tel Aviv 1956-1967.
Ubersetzung
- Harry Freedman, Maurice Simon (Hrsg.): Midrash Rabba. Ins Englische ubersetzt. Zehn Bande. Soncino, London 1939. z. B. Bd. 1: Rabba Genesis - Internet Archive
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Midrasch ha-gadol
- Midrasch Aseret ha-Dibrot (deutsch Midrasch der Zehn Gebote), nach 600 entstandene judische Schrift
- Beth Midrasch
- Pirqe de Rabbi Eliezer
- Jalkut
Literatur (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Gunter Stemberger: Einleitung in Talmud und Midrasch. Beck, Munchen 1992, ISBN 3-406-36695-3.
- Jacob Neusner, Alan J. Avery-Peck (Hrsg.): Encyclopedia of Midrash. Brill, Leiden 2005, ISBN 90-04-14166-9.
- Dina Stein: Textual Mirrors: Reflexivity, Midrash, and the Rabbinic Self. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 2012, ISBN 978-0-8122-4436-6.
- Gerhard Langer: Midrasch. Mohr Siebeck, Tubingen 2016, ISBN 978-3-8252-4675-4.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Susanne Talabardon: Midrasch. In: Michaela Bauks, Michael Pietsch, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart 2006 ff., abgerufen am 2. Oktober 2023.
- August Wunsche: Bibliotheca Rabbinica. Eine Sammlung alter Midraschim, zum ersten Male ins Deutsche uebertragen. Sechs Bande, Otto Schulze, Leipzig 1880.
- August Wunsche: Kleine Midraschim zur spateren legendarischen Literatur des Alten Testaments. Funf Bande, Pfeiffer, Leipzig 1907.
- Aharon Varady: A Historical Map of Jewish Liturgical Influence and Variation. Open Siddur Project 2015
- Torah, Talmud, Midrash, Kabbalah... [6], aus soc.culture.jewish, erstellt von Andreas Itzchak Rehberg
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- | Gerhard Langer: Midrasch. (UTB Band 4675), Mohr Siebeck, Tubingen 2016, ISBN 978-3-8252-4675-4, S. 19-37
- | Susanne Talabardon: Midrasch. Deutsche Bibelgesellschaft. Erstellt: Januar 2012, auf die-bibel.de [1] Abschnitt: ,,2. Geschichte des Begriffs"
- | Gunter Stemberger: Talmud. Deutsche Bibelgesellschaft. Erstellt: Januar 2015, auf die-bibel.de [2]
- | Alexander Dubrau: Mischna. Andere Schreibweise: Mischnah; Mishna; Mishnah. Deutsche Bibelgesellschaft. Erstellt: Januar 2009, auf die-bibel.de [3]
- | Grafische Darstellung der Zusammenhange, auf merrimackvalleyhavurah.wordpress.com [4] Levels of Jewish law. There are several levels of law in halakha. August 10, 2016
- | Grafische Zusammenhange zwischen der Tora, der schriftlichen und mundlichen Tora und dem Talmud, auf i.imgur.com [5]
- | Gunter Stemberger: Der Talmud: Einfuhrung, Texte, Erlauterungen. Beck, Munchen 1982; 4. Auflage 2008, ISBN 978-3-406-08354-9.