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Entelechie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopadie

In der Philosophie versteht man unter Entelechie (altgriechisch entelekheia entelecheia) die Eigenschaft von etwas, sein Ziel (Telos) in sich selbst zu haben. Der Ausdruck Entelechie ist aus drei Bestandteilen (en-tel-echeia) zusammengesetzt: en en, deutsch ,in', telos telos, deutsch ,Ziel', ekheia echeia von ekhein echein, deutsch ,haben', ,halten'.

Der Begriff wurde von Aristoteles in der Metaphysik IX, 8 eingefuhrt (siehe auch Akt und Potenz). Er bezeichnet die ideale Form, die sich im Stoff verwirklicht, besonders im Sinne einer dem Organismus innewohnenden Kraft, die ihn zur Selbstverwirklichung bringt.[1]

Der Sache nach tritt der Begriff der Entelechie uberall auf, wo teleologisches Denken herrscht, so bei Thomas von Aquin, in der Monadenlehre von Gottfried Wilhelm Leibniz, bei Johann Wolfgang von Goethe und im Vitalismus, insbesondere bei Hans Driesch.[2]

Begriffsbedeutung

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Der Begriff kann auf unterschiedliche Weise gedeutet werden.

Entelechie als Reifegestalt

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In dieser Deutung bezeichnet Entelechie ein Individuum, das sein Ziel in sich hat, also ein vollendetes Einzelding, ein Individuum im Vollendungszustand. Beispielsweise ist der Schmetterling die Entelechie der Raupe, da der Schmetterling im Verhaltnis zur Raupe die vollendete Gestalt erreicht hat.

Entelechie als Innehaben von Vollendungspotenzial

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Setzt man die beiden ersten Wortbestandteile (en-tel-) als enteles enteles, deutsch ,vollendet', so bedeutet Entelechie so viel wie ,,das Vollendete habend", also das Innehaben von vollendeten Fahigkeiten, die prinzipiell jederzeit abrufbar sind. In diesem Sinne bezeichnet Entelechie ein Vermogen eines Individuums, nicht aber das Individuum selbst. Beispielsweise besitzt der Schmetterling die Fahigkeit zu fliegen, daher ist Fliegenkonnen oder Flugfahigkeit die Entelechie des Schmetterlings.

In dieser Bedeutung kann ausserdem zwischen aktiver und passiver Entelechie unterschieden werden:

  • Aktive Entelechie ist eine Fahigkeit, die ausgeubt werden kann und somit einem Wirkpotenzial entspricht.
  • Passive Entelechie ist die Fahigkeit, eine aussere Einwirkung zu erdulden, und entspricht einem Widerstandspotenzial, z. B. der Fahigkeit eines Materials, einem Druck standzuhalten.

Entelechie bei Aristoteles

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Die Teleologie, die Lehre einer Ziel- und Zweckbestimmung, hatten bereits griechische Philosophen vor Aristoteles entwickelt. Er konnte also auf die Ideen seiner Vorganger wie die der Ionier, von Empedokles, Anaxagoras, Sokrates oder die seines Lehrers Platon zuruckgreifen.

Dennoch gilt Aristoteles als Begrunder einer spezifischen Zwecklehre, da er den allgemeinen teleologischen Gedanken zur immanenten Teleologie weiterentwickelte. Er ging davon aus, dass das Streben der Organismen nicht von aussen eingebracht worden sei, sondern vielmehr in ihnen selbst ihren Ursprung habe und dort verankert sei. Dadurch, dass er die allgemeine Teleologie auf das Bild des Organismus ubertrug, begrundete er also die Entelechie: Ein ,,jedes Lebewesen tragt Ziel und Zweck in sich selber und entfaltet sich dieser seiner inneren Zielstrebigkeit gemass."[3] sodass es eine kausale Erklarung fur die Entwicklung eines Lebewesens gebe. Nur wenn es sich entsprechend dieser naturlichen, vorbestimmten Veranlagung entfaltet, wird es ihm gelingen, Eudaimonia zu erlangen. Selbstverwirklichung ist also auch die Voraussetzung fur ein gluckliches, gelingendes Leben. Der Zweck eines Lebewesens besteht folglich darin, ,,sich im ganzen Umkreis seiner Moglichkeiten zu verwirklichen."[3]

Eine Umschreibung fur das, was wir heute Entelechie nennen, findet sich in Aristoteles' Politik (1252 b30): ,,Den Zustand, welchen jedes Einzelne erreicht, wenn seine Entwicklung zum Abschluss gelangt ist, nennen wir die Natur jedes Einzelnen, wie etwa des Menschen, des Pferdes, des Hauses. Ausserdem ist der Zweck und das Ziel das Beste."[4] Dieses Phanomen der Selbstverwirklichung ubertrug Aristoteles nicht nur auf den Staat als ein naturgemasses Gebilde, sondern auch auf die gesamte Natur. Auch sie strebe danach, sich zu verwirklichen und zu vervollkommnen. Aus diesem ,,Drang zur Vervollkommenheit"[3] resultiere zugleich die Lebendigkeit und Schonheit der Natur.

Entelechie und Energie

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Der Entelechie-Begriff steht bei Aristoteles daher in engem Zusammenhang mit dem Energie-Begriff. Energeia ist ein weiteres von Aristoteles gepragtes Kunstwort aus den Wortbestandteilen en ergo einai ,in Werk sein' (lat. actus, actualitas). Es bezeichnet die lebendige Wirksamkeit im Unterschied zur dynamis (lat. potentia, possibilitas), der blossen Potenz oder Moglichkeit. Beide Begriffe, Energie und Entelechie, stellen Aspekte des Form-Begriffs dar: Die Form (eidos) ist erstens auch Energie, weil sie die Wirkursache in sich schliesst, und zweitens auch Entelechie, insofern sie das Ziel des Wirkens beinhaltet.

Wiktionary: Entelechie - Bedeutungserklarungen, Wortherkunft, Synonyme, Ubersetzungen

Einzelnachweise

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  1. | Micha H. Werner: Einfuhrung in die Ethik. 1. Auflage. J.B. Metzler, ISBN 978-3-476-05293-3, S. 29.
  2. | Entelechie. In: Friedrich Kirchner, Carl Michaelis (Begrunder): Worterbuch der philosophischen Begriffe (= Philosophische Bibliothek. Bd. 500). Fortgesetzt von Johannes Hoffmeister. Vollstandig neu herausgegeben von Arnim Regenbogen und Uwe Meyer. Meiner, Hamburg 2005, ISBN 3-7873-1325-7.
  3. | a b c Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe. 34 grosse Philosophen in Denken und Alltag (= Sammlung Dialog. Bildung durch Wissenschaft. 12, ISSN 0080-5815). Nymphenburger Verlagshandlung, Munchen 1966, S. 55.
  4. | Ubers. O. Gigon
Normdaten (Sachbegriff): GND: 4356679-0 (GND Explorer, lobid, OGND, AKS)