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Behaviorismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopadie
Dieser Artikel behandelt ein wissenschaftstheoretisches Konzept aus dem Umfeld der Verhaltens- und Sprachforschung. Zur Verwendung eines ahnlichen Begriffs in der Politikwissenschaft siehe Behavioralismus.

Behaviorismus (abgeleitet vom amerikanisch-englischen Wort behavior ,,Verhalten") benennt das wissenschaftstheoretische Konzept, Verhalten von Menschen und Tieren mit naturwissenschaftlichen Methoden - also ohne Introspektion oder Einfuhlung - zu untersuchen und zu erklaren. Der Behaviorismus wurde nach wichtigen Vorarbeiten von Edward Lee Thorndike durch John B. Watson zu Beginn des 20. Jahrhunderts begrundet und in den 1950er Jahren vor allem von Burrhus Frederic Skinner gleichermassen popularisiert wie radikalisiert. Wichtige Pionierarbeit leistete ausserdem Iwan Petrowitsch Pawlow mit seinen Experimenten zur klassischen Konditionierung von Verhalten. Im Behaviorismus wurden technoide Sozial- und Kulturtechniken entwickelt, doch bietet er nicht nur klassische oder operante Konditionierung, sondern auch eine positiv gemeinte gesellschaftliche Utopie, wie sie beispielsweise von Skinner im Roman Walden Two[1] ausgearbeitet wurde.

In den USA waren die Verfechter des Behaviorismus jahrzehntelang die einflussreichsten Verhaltensforscher an den Universitaten und entschiedene Gegner der gleichzeitig aufkommenden psychoanalytischen Richtungen. Auch die seit den 1930er Jahren in Europa aus der Tierpsychologie entstehende vergleichende Verhaltensforschung konnte in den USA wegen der dortigen Vorherrschaft des Behaviorismus nicht Fuss fassen.

Auf die Erkenntnisse der behavioristischen Forschung stutzen sich diverse verhaltenstherapeutische Vorgehensweisen, u. a. die sogenannte systematische Desensibilisierung von Patienten mit einer Phobie und die Behandlung von fruhkindlichem Autismus, aber auch die moderne Abrichtung von Hunden und Zirkustieren. Auch das Programmierte Lernen, Sprachlabore und die heute gangigen PC-Programme zum Selbststudium von Fremdsprachen sind eine Nutzanwendung der behavioristischen Theorie.

Die Initialzundung des Behaviorismus stellt John B. Watsons beruhmter Artikel ,,Psychology as the Behaviorist views it" (1913) dar, in dem er sich vehement gegen die damals in der Psychologie gebrauchliche Methode der Introspektion aussprach. Watsons Ziel war es, die Psychologie als eine Naturwissenschaft gleichsam neu zu begrunden. Er setzte ausschliesslich auf die sogenannte ,,objektive Methode", indem er alles Verhalten in Reiz und Reaktion zerlegte (englisch: stimulus-response); man bezeichnet diese Form des Behaviorismus daher auch als ,,molekularen" Behaviorismus. Als Reiz fasste Watson jede Veranderung in der ausseren Umwelt oder im Inneren des Individuums auf, die auf physiologischen Vorgangen beruht, also zum Beispiel auch einen ,,Mangel an Nahrung", sprich: Hunger; als Reaktion fasste er jegliche Aktivitat auf, sei es das Hinwenden zu oder das Wegwenden von einer Lichtquelle oder das Schreiben von Buchern. Die von Watson begrundete Form des Behaviorismus wird auch als ,,Klassischer" oder ,,methodologischer" Behaviorismus bezeichnet.

Die dem beobachtbaren Verhalten zugrunde liegenden physiologischen Vorgange gelten dem Behavioristen als uninteressant; aus seiner Sicht gehoren sie zum Aufgabengebiet der Physiologen. Der Behaviorist konzentriert sich ausschliesslich auf Prozesse, die sich zwischen Organismus und Umwelt abspielen. Der Organismus selbst wird vom klassischen Behavioristen als Black Box betrachtet.

Skinners Hauptwerk Science and Human Behavior (deutsch: Wissenschaft und menschliches Verhalten) erschien 1953 in den USA. Im Gegensatz zu Watson und dem methodologischen Behaviorismus schloss Skinner im sogenannten ,,radikalen" Behaviorismus innerpsychische Prozesse bei der Erforschung von Verhalten nicht aus. Aussagen uber ,,mentale" oder ,,psychische" Vorgange konnten jedoch nie von Aussenstehenden, also unabhangigen Beobachtern getroffen werden, sondern allenfalls vom sich selbst beobachtenden Individuum. Reagiere beispielsweise ein Schuler auf die Frage des Lehrers unabsichtlich mit einer vollig unpassenden Antwort, so werde der ,,innere Zustand" des Schulers haufig als geistesabwesend bezeichnet. Diese Zuschreibung erklare in Wirklichkeit aber keineswegs die Zustande im Inneren des Gehirns; sie sei in Wirklichkeit bloss eine zusatzliche, bildhafte Beschreibung fur die fehlerhafte Ausserung des Schulers, also fur die dem Beobachter ohnehin schon bekannte Reaktion des Schulers.

Die Vertreter einer behavioristischen Wissenschaft vom Verhalten forderten daher, dass auch alle Vorgange, die in einem Experiment auf einen Organismus einwirken (also die Ursachen von Verhalten), mit streng naturwissenschaftlichen Begriffen zu beschreiben seien; die Psychologie musse eine ,,exakte Wissenschaft" im Sinne einer Naturwissenschaft werden (wobei sich Skinner eher am Wissenschaftsbegriff der Biologie als an dem der Physik orientierte). Dies hatte unter anderem zur Folge, dass nicht-naturwissenschaftliche Einflusse auf das Verhalten (zum Beispiel von ,,sozialen Strukturen" oder von ,,Kultur und Tradition") in den Studien der Behavioristen keine Rolle spielten, sofern sie nicht auf der Ebene von Umwelteinflussen und Verhalten definiert werden. Zum wichtigsten Mittel ihrer Forschung wurden Laborstudien, da nur dort eine sehr weitgehende Kontrolle aller Einflussfaktoren auf das Verhalten der Testtiere und Testpersonen moglich ist und speziell die eigens fur behavioristische Experimente entwickelte Skinner-Box. Uberdies konnen Laborstudien wesentlich leichter wiederholt werden als die von Ethologen bevorzugten Freilandstudien.

Die auf Skinners Radikalem Behaviorismus als Wissenschaftstheorie aufbauende Forschungstradition ist die Experimentelle Verhaltensanalyse.[2]

Ausblendung des Innenlebens

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Das Black-Box-Modell

Der Verzicht auf die Heranziehung innerpsychischer Vorgange zur Erklarung von Verhalten, die mit naturwissenschaftlichen Begriffen nicht zu beschreiben sind, hat dem Behaviorismus anhaltende heftige Kritik eingebracht. Dieser betrachte das Gehirn als blosse Black Box, die auf einen einwirkenden Reiz automatisch mit einer Reaktion antwortet. Das ausschliessliche Analysieren des Zusammenhangs zwischen Eingabe und Ausgabe verkenne aber, dass es innere, veranderliche, zentralnervos gesteuerte Antriebe fur Verhaltensweisen gibt, die sich beispielsweise als sexuelle Lust und als Hungergefuhl bemerkbar machen.

Skinner lehnt die ,,Black Box"-Metapher ab.[3] Mentalistische Aussagen in der Art ,,Er isst, weil er hungrig ist" sind nach ihm aber keine Erklarungen fur Verhalten. In Wissenschaft und menschliches Verhalten schreibt er: ,,Er isst und er ist hungrig beschreiben ein und dieselbe Tatsache. (...) Die Gewohnheit, eine Feststellung durch eine andere zu erklaren, ist insofern gefahrlich, als sie den Eindruck erweckt, dass wir der Ursache auf die Spur gekommen sind und deshalb nicht weiter zu suchen brauchen." Skinner lehnt die Vorstellung eines cartesianischen Steuermannes ab, der gewissermassen im Innern des Kopfes sitzend den Menschen steuert; der Mensch als Ganzes Individuum (,,Organism as a whole") verhalt sich auf eine bestimmte Weise (,,molarer Behaviorismus"), aufgrund der Umwelteinflusse, denen er in seiner aktuellen und vergangenen Umwelt unterworfen war sowie aufgrund der Umwelteinflusse, denen seine Vorfahren in der Phylogenese unterworfen waren.

Geschichtlicher Hintergrund

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Klassischer Behaviorismus

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Als Vorlaufer des Behaviorismus gelten die eher unbekannte ,,objektive Psychologie", die sich in der deutschen Forschungsgemeinschaft Ende des 19. Jahrhunderts nicht durchsetzen konnte, im gleichen Zeitraum die deutsche Experimentalpsychologie sowie die wissenschaftlichen Arbeiten von McDougall und Iwan Petrowitsch Pawlow. Der Begriff Behaviorismus wurde erstmals 1913 in einem Fachaufsatz, der zugleich eine Art Manifest war, von John B. Watson in die Psychologie eingefuhrt. Watson hatte zur gleichen Zeit wie Iwan Petrowitsch Pawlow mit Reflexen experimentiert und an dessen ,,Reflexologie" angeknupft, mit deren Hilfe Pawlow bereits eine hypothetische physiologische Erklarung fur den Aufbau von komplexen Verhaltensmustern entwickelt hatte.

Watson vertrat den Standpunkt, dass ein Organismus nur durch auf ihn einwirkende Reize etwas uber seine Umwelt in Erfahrung bringen konne. Die Moglichkeit ,,angeborener Erfahrung" oder angeborenen Erkennens (wie sie die klassische vergleichende Verhaltensforschung erforschte) wurde daher in der behavioristischen Forschung lange Zeit vernachlassigt. Der Begriff Umwelt wird von Watson extrem weit gedehnt, zu einem nahezu magischen Konzept, da ausdrucklich auch Herzschlag, Magenknurren, das Sich-Ausdehnen der sich fullenden Harnblase und ahnliche innere Zustandsanderungen als Umwelt definiert werden. Aus diesem Umweltbegriff ruhrt dann auch die Vorstellung her, dass alles Verhalten - auch jede Verhaltensstorung - umweltbedingt sei.

Eine fruhe Kritik der behavioristischen Reflexbogentheorie findet sich bei dem Neurologen und Gestalttheoretiker Kurt Goldstein. Durch seine Arbeit mit hirngeschadigten Soldaten des Ersten Weltkriegs (Der Aufbau des Organismus, 1934) kommt er u. a. zu dem Ergebnis, dass es keine isolierten Reiz-Reaktions-Vorgange im Organismus gebe, sondern dass der Organismus immer als Ganzes reagiere. Eine gleichlautende Kritik wurde bereits 1896 von John Dewey in seinem beruhmten Aufsatz uber den Reflexbogen vorweggenommen.[4]

Neobehaviorismus

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Hauptartikel: Neobehaviorismus

Der klassische Behaviorismus verlor Ende der 1920er / Anfang der 1930er Jahre an Bedeutung, da sich die von ihm gemachten Erklarungen des Verhaltens als zu einfach erwiesen. Die dadurch ausgeloste erste Krise des Behaviorismus wurde allerdings durch die Arbeiten von Clark L. Hull von der Yale University uberwunden. Der von Hull begrundete Neobehaviorismus stutzte sich zwar wie Watsons Klassischer Behaviorismus auf Reiz-Reaktions-Beziehungen, enthielt aber eine verfeinerte Theorie uber Reiz-Reaktions-Ketten, die durch Klassische Konditionierung entstehen (sogenannte S-R-Psychologie). Die von Hull begrundete Theorie wird systemische Verhaltenstheorie genannt und enthielt auch Annahmen uber nicht direkt beobachtbare hypothetische Konstrukte wie z. B. einen allgemeinen Antrieb, in dem alle im Organismus zu einem bestimmten Zeitpunkt vorhandenen Energien zusammengefasst wurden. Zu Hulls bedeutendsten Schulern gehorten Kenneth W. Spence, John Dollard und Neal E. Miller, der Erfinder des Biofeedback.

Radikaler Behaviorismus

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Trotz der bemerkenswerten Leistungen der Hullschen Schule - ihre Forschungsmethodik ist bis heute die Wurzel der Methodik der wissenschaftlichen Psychologie geblieben - wurde diese Form des Behaviorismus ab den 1950er Jahren schnell durch den Radikalen Behaviorismus von B. F. Skinner abgelost. Eine Ursache dafur ist, dass sich die Hullsche Begrundung fur die Wirkung von Verstarkungen - die Befriedigung physiologischer Bedurfnisse - als zu eng erwiesen hatte. Ausserdem reichte das Prinzip der Reiz-Reaktions-Verknupfung auf Basis der Klassischen Konditionierung nicht aus, um die Vielfalt des Verhaltens vollstandig erklaren zu konnen. Der Radikale Behaviorismus bildet die wissenschaftstheoretische Grundlage der Verhaltensanalyse.

Skinners Verdienst war es, das Forschungsinteresse von Reiz-Reaktions-Ketten im Sinne des Stimulus-Response-Modells weg und hin zum operanten Verhalten zu lenken. Im Mittelpunkt des Interesses stand nicht mehr das respondent genannte Verhalten auf Basis der Klassischen Konditionierung, sondern das operante Verhalten, mit dem es einem Organismus gelingt, seine Umwelt zu beeinflussen und zu verandern. Fur den Skinnerianer ist Verhalten daher in der Hauptsache nicht eine passive Reaktion auf Reize, sondern Verhalten wird spontan emittiert und anschliessend durch seine Konsequenzen geformt (,,selection by consequences"). Da Skinner dieses Prinzip sowohl in der biologischen Evolution der Art als auch in der Lerngeschichte der Individuen gleichermassen am Werke sieht, spielt die Unterscheidung von ,,angeboren" und ,,erworben" fur ihn eine untergeordnete Rolle. Er leugnet aber keineswegs, dass es beide Arten von Verhalten gibt.[5] Ausserdem schloss Skinner auch Gedanken und Gefuhle, also das, was Behavioristen als private Ereignisse bezeichnen, nicht aus der wissenschaftlichen Betrachtung aus.[6] Im Gegenteil besteht das Radikale am Radikalen Behaviorismus darin, private Ereignisse als verdecktes Verhalten aufzufassen und damit einer wissenschaftlichen Analyse zuzufuhren. Skinner sieht in diesem Zusammenhang, dass er von den Verhaltensgesetzen, die anhand beobachtbaren Verhaltens gewonnen werden, auf nicht direkt beobachtbare Verhaltensweisen extrapoliert, er erklart diese Extrapolation aber fur nutzlicher als den umgekehrten, traditionellen Weg, auf dem von Gedanken und Gefuhlen auf Verhalten geschlossen wird.

Eine weitere wichtige, von Skinner vorgeschlagene Innovation ist die Differenzierung zwischen regelgeleitetem und kontingenzgeformtem Verhalten.[7] Wahrend beim kontingenzgeformten Verhalten das Verhalten primar direkt von seinen unmittelbaren Konsequenzen geformt wird, tritt regelgeleitetes Verhalten auf, wenn eine Person einer Regel folgt. So konnen Menschen ihr Verhaltensrepertoire erweitern, ohne direkt den jeweiligen Konsequenzen ausgesetzt zu sein. Allerdings mussen Personen zuerst durch Verstarkung erfahren, dass das Umsetzen von Regeln zu von ihnen erwunschten Konsequenzen fuhrt. Ein Beispiel fur den Unterschied zwischen regelgeleitetem und kontingenzgeformtem Verhalten ist etwa der Umgang mit einem neuen Handy. Folgt man dem Handbuch, um sich die Funktionen anzueignen, so zeigt man regelgeleitetes Verhalten. Versucht man dagegen per ,,trial and error" die Bedienung zu verstehen, so liegt ein Fall von kontingenzgeformtem Verhalten vor.

Skinners wichtigste forschungsmethodische Neuerung war die Einfuhrung eines Apparats zur quantitativen Erfassung von Reaktionen mit Hilfe der von ihm entwickelten Skinner-Box: die Kumulativaufzeichnung (cumulative record). Diese erfasste sowohl die Haufigkeit der Reaktion, die ein Organismus zeigt, als auch die Haufigkeit und die Zeitpunkte von Verstarkungen. Durch diese Methode wurde der Blick der Verhaltensforscher auf die genaue Analyse jener Verstarker gelenkt, von denen Verhalten nach radikal-behavioristischer Auffassung abhangt: Heute ist es ein Gemeinplatz, dass ein Verhalten dann haufiger auftritt, wenn ihm ein positiv verstarkendes Ereignis (umgangssprachlich, aber nicht ganz korrekt auch als Belohnung bezeichnet) folgt; jede Hundeschule und jede Pferdedressur basiert heute auf diesen Erkenntnissen. Das Ziel der von Skinner begrundeten Experimentellen Verhaltensanalyse (Experimental Analysis of Behavior oder Behavior Analysis, vgl. Weblinks) besteht genau darin, solche elementaren, aber auch die komplexeren Verhaltensgesetze zu finden und sie zur Vorhersage und Modifikation des Verhaltens einzusetzen. Eines der bekannteren Verhaltensgesetze aus der behavioristischen Schule Skinners ist das Matching Law, das sein Schuler und Nachfolger Richard Herrnstein 1961 erstmals formulierte und zu einer Verhaltenstheorie ausbaute.

Ab den 1960er und 1970er Jahren wurde der Behaviorismus zunehmend vom Kognitivismus als vorherrschendem Forschungsparadigma in der Psychologie abgelost. Dazu trugen u. a. die Entwicklung des Digitalcomputers und seine Verwendung als Modell fur das menschliche Gehirn sowie Erkenntnisse aus der Ethologie bei, denen zufolge Vererbung doch einen grosseren Erklarungswert fur gegenwartiges Verhalten hat. Die Studien Harry Harlows wiesen uberdies nach, dass reine Futterdressuren nicht auf samtliche hoheren Lebewesen ubertragen werden konnen (wobei dies nicht im Widerspruch zum Radikalen Behaviorismus steht). Auch die verheerende Rezension von Skinners Buch Verbal Behavior durch Noam Chomsky, in dem Skinner den radikal-behavioristischen Ansatz auf das Sprechverhalten angewandt hatte, steht fur den damals (unter Psychologen und Linguisten) beginnenden Zweifel an der Tragfahigkeit des Behaviorismus und die Wende zum Kognitivismus (vgl. Kognitive Wende). Der aufkommende Kognitivismus beschreibt in seiner einfachsten Form innerpsychische Vorgange als Kette von internen Reizen und Reaktionen, ohne zu fordern, dass alle diese Vorgange direkt beobachtbar sein mussen. Interessanterweise hatte es bereits wahrend der Blutezeit des Behaviorismus unter seinen Anhangern Vertreter einer kognitiv orientierten Schule gegeben. Diese kognitiv-neobehavioristische Schule ist vor allem mit dem Namen Edward C. Tolman verbunden.

Auch heute gibt es noch behavioristisch orientierte Stromungen innerhalb der Psychologie. Neben dem Radikalen Behaviorismus der Skinnerschen Pragung existieren mehrere neue Ansatze, die auch verschiedene Aspekte alterer behavioristischer Richtungen aufgegriffen haben, so z. B. Howard C. Rachlins Teleologischer Behaviorismus und John E. R. Staddons Theoretischer Behaviorismus. Dagegen ging der methodologische Behaviorismus im Forschungsprogramm der wissenschaftlichen Psychologie auf: Psychologen erforschen noch immer fast ausschliesslich das objektiv beobachtbare Verhalten anderer (das grosstenteils jedoch im Antwortverhalten beim Ausfullen von Fragebogen und Tests besteht) und schliessen auf dieser Basis auf nicht beobachtbare hypothetische Konstrukte wie z. B. Extraversion oder Neurotizismus (aus der Personlichkeitstheorie von Eysenck). Zudem wenden viele Teile der modernen Psychologie und Psychotherapie, speziell die Verhaltenstherapie, Erkenntnisse aus der behavioristischen Forschung an.

  • John B. Watson: Psychology as the Behaviorist Views It. In: Psychological Review. Nr. 20, 1913, S. 158-177, doi:10.1037/h0074428 (englischsprachiger Volltext). (auch enthalten in: John B. Watson: Behaviorismus. Koln 1968 bzw. Frankfurt am Main 1976)
  • B. F. Skinner: Wissenschaft und menschliches Verhalten. Kindler, Munchen 1973, ISBN 3-463-00562-X (englischsprachiger Volltext. [PDF; 4,0 MB; abgerufen am 9. Juli 2017] englisch: Science and Human Behavior.).
  • B. F. Skinner: Jenseits von Freiheit und Wurde. Rowohlt, Reinbek 1982, ISBN 3-498-06101-1 (englisch: Beyond Freedom and Dignity.).
  • B. F. Skinner: Verbal Behavior. Copley Publishing Group, Acton 1992, ISBN 0-87411-591-4 (Erstausgabe: 1957).
  • B. F. Skinner: Was ist Behaviorismus? Rowohlt, Reinbek 1978, ISBN 3-498-06124-0 (englisch: About Behaviorism.).
  • B. F. Skinner: Die Funktion der Verstarkung in der Verhaltenswissenschaft. Kindler, Munchen 1974, ISBN 3-463-00587-5 (englisch: Contingenies of Reinforcement.).
  • Klaus-Jurgen Bruder: Psychologie ohne Bewusstsein. Die Geburt der behavioristischen Sozialtechnologie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-518-28015-5.
  • William O'Donohue (Hrsg.): Handbook of Behaviorism. Academic Press, San Diego 1998, ISBN 0-12-524190-9.
  • John A. Mills: Control: A History of Behavioral Psychology. New York University Press, New York 2000, ISBN 0-8147-5612-3.
Wiktionary: Behaviorismus - Bedeutungserklarungen, Wortherkunft, Synonyme, Ubersetzungen
  1. | B. F. Skinner: Futurum Zwei >>Walden Two<<. Die Vision einer aggressionsfreien Gesellschaft. Rowohlt, Reinbek 1972. ISBN 3-499-16791-3. Englisch 1948.
  2. | B. F. Skinner: What is the experimental analysis of behavior? In: Journal of the Experimental Analysis of Behavior. Band 9, Nr. 3, 1. Mai 1966, ISSN 0022-5002, S. 213-218, doi:10.1901/jeab.1966.9-213, PMID 16811287, PMC 1338181 (freier Volltext).
  3. | B. F. Skinner: Was ist Behaviorismus? Rowohlt, Reinbek 1978, ISBN 3-498-06124-0, S. 239: ,,Ein Organismus ist selbstverstandlich nicht leer und kann folglich nicht als eine black box angesehen werden"
  4. | John Dewey: The Reflex Arc Concept in Psychology. 1896 (Volltext).
  5. | Edward K. Morris, Junelyn F. Lazo, Nathaniel G. Smith: Whether, when, and why Skinner published on biological participation in behavior. In: The Behavior Analyst. Band 27, Nr. 2. The Association for Behavior Analysis International, 2004, ISSN 0738-6729, S. 153-169, PMC 2755402 (freier Volltext).
  6. | B. F. Skinner: About behaviorism. Knopf, New York 1974, S. 211-212 (englisch): "The question, then, is this: What is inside the skin, and how do we know about it? The answer is, I believe, the heart of radical behaviorism."
  7. | William M. Baum: Understanding Behaviorism: Behavior, Culture, and Evolution. 2. Auflage. Blackwell, Oxford, ISBN 1-4051-1261-1, S. 312.
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