Azteken
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Die Azteken (von Nahuatl aztecatl, deutsch etwa ,,jemand, der aus Aztlan kommt"; Eigenbezeichnung: Mexica) waren Angehorige einer mesoamerikanischen Zivilisation, die eine Hochkultur schuf, die zwischen dem 14. und dem fruhen 16. Jahrhundert existierte. Seit dem 19. Jahrhundert ist die Bezeichnung ,,Azteken" fur die ethnisch heterogene, mehrheitlich Nahuatl sprechende Bevolkerung des Tals von Mexiko gebrauchlich; im engeren Sinne sind damit aber nur die Bewohner von Tenochtitlan und der beiden anderen Mitglieder des sogenannten ,,Aztekischen Dreibundes", der Stadte Texcoco und Tlacopan, gemeint.
Ab dem spaten 14. Jahrhundert weiteten die Azteken im Laufe der Jahre ihren politischen und militarischen Einfluss auf die umliegenden Stadte und Volker aus, die nicht direkt dem Reich angegliedert, sondern zur Zahlung von Tributen gezwungen wurden. Auf dem Hohepunkt ihrer Macht kontrollierten sie weite Teile Zentralmexikos mit dem Tal von Mexiko als Zentrum. Zwischen 1519 und 1521 wurden die Azteken schliesslich von den Spaniern unter Hernan Cortes unterworfen.
Geschichte
Benennung
Die Azteken bezeichneten sich selbst meist als ,,Mexi'ca'" [me:'Si?ka?] (deutsch: Mexikaner),[1] nach dem Namen des Ortes oder der Region Mexico, dem Ursprung des heutigen Landernamens Mexiko, beziehungsweise nach ihren Siedlungsplatzen Tlatelolco und Tenochtitlan, auch Tlatelolca [tlate'lo:lka?] und Tenochca [te'no:tSka?]. In alten Quellen wird der Begriff ,,Azteken" nur im Zusammenhang mit dem mythischen Herkunftsort Aztlan verwendet. Der Erste, der ihn in moderner Zeit benutzte, war der Jesuit Francisco Javier Clavijero im 18. Jahrhundert; weithin etabliert wurde er jedoch erst durch Alexander von Humboldt im 19. Jahrhundert.
Grundungsmythos und Herkunft
Die aztekischen Mythen beschreiben vier grosse Zeitalter, die der bestehenden Welt vorangingen und in Katastrophen endeten. Das funfte Zeitalter wurde eingelautet durch das Opfer eines Helden, der sich in die Sonne verwandelte.
Nach der Legende wanderten die Azteken im 14. Jahrhundert von einem Ort im Norden namens Aztlan zum Texcoco-See in Zentralmexiko, angefuhrt von ihrem Gott Huitzilopochtli. Als sie bei einer Insel im See ankamen, konnten sie einen Adler beobachten, der, auf einem Feigenkaktus (spanisch Nopal) sitzend, eine Schlange frass. Gemass der Prophezeiung war dieses Ereignis dazu bestimmt, ihnen den Platz zu zeigen, an dem sie sich niederlassen sollten. Die Azteken erbauten ihre Stadt Tenochtitlan an dieser Stelle, an der sich das heutige Mexiko-Stadt befindet. Der Adler auf dem Kaktus mit der Schlange aus der Legende ist heute auf der mexikanischen Flagge abgebildet.
Aufstieg und Blutezeit
Historisch gesehen lasst sich die erste Niederlassung der Azteken im Gebiet von Tenochtitlan fur den Zeitraum zwischen 1320 und 1350 nachweisen;[2] aus archaologischer Perspektive nach neueren Ausgrabungen (Stand: Dezember 2007) wird auch die Zeit zwischen 1100 und 1200 fur moglich gehalten.[3] Die ersten Herrscher Acamapichtli, Huitzilihuitl und Chimalpopoca waren Vasallen des Tepaneken-Herrschers Tezozomoc in der Zeit von 1372 bis 1427 und knupften in dieser Zeit durch Heirat diplomatische Verbindungen zu den Nachbarstadten. Nach und nach erlangten die Azteken dadurch eine gewisse politische Gleichberechtigung mit den anderen Stadten.
Als Tezozomoc starb, ermordete sein Sohn Maxtla Chimalpopoca. Dessen Onkel Itzcoatl verbundete sich nun mit dem ehemaligen Acolhua-Herrscher von Texcoco, Nezahualcoyotl, und belagerte Maxtlas Hauptstadt Azcapotzalco. Maxtla kapitulierte nach 100 Tagen und ging ins Exil. Tenochtitlan (Mexica), Texcoco (Acolhua) und Tlacopan (Tepaneken) festigten danach formell ihre Kriegsallianz, den aztekischen Dreibund, die das Tal von Mexiko dominierte und die Macht schliesslich jenseits der Grenzen des Tals ausdehnte. Mit der Zeit wurde Tenochtitlan die beherrschende Kraft innerhalb der Allianz.
Itzcoatl bewirkte auch innenpolitisch weitreichende Veranderungen. Wahrend ein neuer Aquadukt nach Tenochtitlan gebaut wurde, um die Trinkwasserversorgung der wachsenden Bevolkerung zu sichern, liess er auch viele alte Bilderhandschriften vernichten. Die Grunde dafur sind noch nicht geklart,[4] doch es ist wahrscheinlich, dass Itzcoatl fur die Herrschaft seiner Familie eine Legitimationsgrundlage schaffen wollte.
Itzcoatls Neffe Moctezuma I. erbte 1440 den Thron und erweiterte das Herrschaftsgebiet nochmals. Allerdings wurde Tenochtitlan zwischen 1445 und 1450 durch eine Heuschreckenplage, eine Uberschwemmung und eine Hungersnot schwer getroffen, was die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln als Schwachpunkt offenbarte und die Notwendigkeit von Tributen noch einmal bekraftigte. Vermutlich wurde wahrend Moctezumas Herrschaft auch die Praxis der Blumenkriege eingefuhrt.[5] Sein Sohn Axayacatl, der 1469 (moglicherweise auch erst 1471) an die Macht kam, erweiterte den von den Azteken kontrollierten Bereich um einige Gebiete der Mixteken und Zapoteken, doch erlitt er gegen das machtige Reich der Tarasken von Tzintzuntzan eine empfindliche Niederlage. Die Azteken fuhrten bis zur Ankunft der Spanier gegen die Tarasken keine grossangelegten militarischen Aktionen mehr durch.
1482 ubernahm Axayacatls alterer Bruder Tizoc kurz die Herrschaft, unter dem das Reich aussenpolitisch an Ansehen verlor, bis er 1486 durch seinen jungeren Bruder Auitzotl ersetzt wurde, der die Armee neu organisierte. Das Imperium erreichte wahrend seiner Regentschaft das grosste Ausdehnungsgebiet. Sein Nachfolger war Moctezuma II., der durch mehrere Feldzuge die Tlaxcalteken aussenpolitisch isolierte und die Kontrolle uber das Tal von Oaxaca endgultig sicherte. Moctezuma starkte die Fuhrungsposition Tenochtitlans innerhalb des Dreibunds, was sich unter anderem darin zeigt, dass er aktiv in die Thronfolgeregelung Texcocos eingriff und eigenmachtig den Nachfolger des 1515 gestorbenen Konigs Nezahualpilli bestimmte.
Untergang
Aufgrund ihrer Aggressivitat waren die Azteken bei ihren Nachbarn mehr verhasst als beliebt. Diese konnten weder mit diplomatischen Mitteln noch durch Blutheiraten den Machtdrang der Azteken bremsen. Die Ankunft der Spanier unter Fuhrung von Hernan Cortes war fur einige Stamme die einzige Chance, der Herrschaft der Azteken zu entkommen. Der aztekische Herrscher Moctezuma II. erfuhr bereits fruhzeitig von der Ankunft der Spanier, doch verhielt er sich zu zogerlich. Nachdem die Spanier zusammen mit ihren Verbundeten, den Tlaxcalteken, im November 1519 nach Tenochtitlan gekommen waren, nahmen diese Moctezuma im Handstreich gefangen und kontrollierten uber ihn die Geschicke des Reiches.
Als Cortes im Fruhjahr 1520 wieder an die Atlantikkuste zog, weil von Kuba aus ein Trupp mit der Aufgabe gelandet war, ihn festzunehmen, erhoben sich die Azteken gegen die in der Stadt verbliebenen Spanier. Nach seiner Ruckkehr kam es zu Kampfen zwischen Spaniern und Azteken, in deren Verlauf Moctezuma von seinen Landsleuten getotet wurde. Cortes sah daraufhin keine andere Moglichkeit als die Flucht aus der Stadt. Der Versuch, in der Nacht zum 1. Juli 1520 aus Tenochtitlan zu entkommen, kostete fast drei Viertel der spanischen Soldaten das Leben.
Wahrend sich Cortes' Truppe in den folgenden Wochen erholte, wutete in Tenochtitlan eine Pockenepidemie, durch die gut sechzig Prozent der Bewohner der Stadt starben, darunter auch der neue Konig Cuitlauac. Sein Nachfolger Cuauhtemoc schaffte es nicht, den Abfall des Konigs von Texcoco zu verhindern. Zusammen mit den Tlaxcalteken, Kriegern aus Texcoco und Verstarkung aus Kuba begann Cortes mit der Belagerung der Stadt, die am 13. August 1521 endete.
Cuauhtemoc, der letzte aztekische Herrscher, wurde 1525 hingerichtet. Die meisten Gebaude Tenochtitlans waren wahrend der Belagerung zerstort worden; auf ihren Ruinen wurde das neue Mexiko-Stadt errichtet. In den Jahren nach der Ausrufung des Vizekonigreichs Neuspanien 1535 wurde ein Grossteil der einheimischen Bevolkerung zum Christentum bekehrt und die aztekische Kultur verschwand allmahlich, ohne jedoch vollig zu erloschen.
Quellen zur Geschichte und Kultur
Uber die Geschichte und Kultur der Azteken existieren keine schriftlichen Quellen aus der Zeit vor der spanischen Eroberung. Der Grund ist sowohl das Fehlen eines leistungsfahigen Schriftsystems, mit dem Aufzeichnungen von Texten moglich gewesen waren, als auch die Zerstorung der bilderschriftlichen Manuskripte durch Eroberung und christliche Missionierung. Informationen uber die Geschichte und Kultur vor der Eroberung beruhen deshalb zu einem wesentlichen Teil auf mundlichen Traditionen, die unter der spanischen Kolonialherrschaft, vor allem im spaten 16. und fruhen 17. Jahrhundert aufgezeichnet wurden, sowie auf in dieser Zeit angefertigte Kopien und Bearbeitungen von Bilderhandschriften (Aztekencodices), die oft von Angehorigen der in Mexiko tatigen Bettelorden in Auftrag gegeben und kommentiert wurden. Ihren Inhalten nach sind historische Dokumente von religiosen zu unterscheiden.
Auf Veranlassung von Spaniern niedergeschrieben wurde unter anderem der Codex Mendoza von 1541, der die Eroberungen der aztekischen Herrscher und die Tributprovinzen auflistet und auch einen kurzen ethnographischen Uberblick enthalt. Zu den wichtigsten fruhkolonialen Zeugnissen uber die Kultur zahlt daneben in erster Linie die zweisprachige (spanisch/nahuatl) ,,Historia General de las Cosas de la Nueva Espana" (die letzte endgultige Fassung ist der ,,Codex Florentinus") des Franziskaners Bernardino de Sahagun, der Aussagen von indianischen Gewahrsleuten zu einer weitgespannten Thematik aufzeichnete und redigierte.[6] Dieses zwolfbandige Werk, zweisprachig verfasst in Spanisch und Nahuatl, wurde angesichts des Widerstandes von Inquisition und Indienrat jedoch - abgesehen von den wenigen von Bernardino de Sahagun handschriftlich erstellten Kopien - nicht veroffentlicht, um zu verhindern, dass Azteken sich auf die darin beschriebenen Mythen und Glaubensinhalte, Zeremonien und Gebrauche besinnen konnten. Weitere wichtige Quellen hauptsachlich historischen Inhalts sind in spanischer Sprache die ,,Historia de las Indias de Nueva Espana" des Dominikaners Diego Duran, die ,,Cronica Mexicana" des aus hohem indianischem Adel stammenden Hernando de Alvarado Tezozomoc, und die verschiedenen Geschichtsdarstellungen des aus dem Adel von Texcoco stammenden Fernando de Alva Ixtlilxochitl. In Nahuatl sind die ,,Anales de Cuauhtitlan" und die ,,Historia Tolteca-Chichimeca" geschrieben, deren Verfasser anonym geblieben sind. Das umfangreichste Geschichtswerk bilden die verschiedenen ebenfalls in Nahuatl verfassten ,,Relaciones" des Domingo Chimalpahin Quauhtlehuanitzin aus Chalco.
Sprache
Nahuatl wird noch heute von Teilen der indigenen Bevolkerung Mexikos, den Nahua, gesprochen.
Politische Organisation
Das Reich der Azteken war kein territorial geschlossenes Reich, wie es etwa die Imperien der europaischen Geschichte darstellten. Es war vielmehr ein Zusammenschluss der drei im Becken von Mexiko gelegenen Stadte Tenochtitlan, Texcoco und Tlacopan, deren politische und rechtliche Systeme sich aufgrund alter Traditionen voneinander stark unterschieden und dementsprechend auch nicht vereinheitlicht waren. Die jeweiligen Herrscher regierten ihre Stadte und die von ihnen abhangigen Gebiete unabhangig voneinander und agierten nur dann zusammen, wenn ein gemeinsames Interesse vorhanden war, etwa bei Eroberungen. Die drei Stadte waren formell gleichberechtigt, was sich aber besonders in der Zeit von Moctezuma II. zugunsten Tenochtitlans anderte. Die von den Stadten abhangigen Gebiete bildeten keine geschlossenen Territorien, sondern die Besitzungen waren entsprechend der Beteiligung an den jeweiligen Eroberungen miteinander eng verschrankt.
Die Azteken ubten ihre Herrschaft hauptsachlich in Form von Tributforderungen aus. Ziel der Expansion war die wirtschaftliche Nutzung, nicht die Beherrschung der unterworfenen Gebiete. Direkte Ansiedlung auf dem Gebiet des unterworfenen Feindes fand kaum statt, auch wurde das aztekische Rechtssystem nicht aufgezwungen; die althergebrachten lokalen Strukturen blieben unangetastet. Nachteile ergaben sich jedoch dadurch, dass das von den Azteken unterworfene Gebiet ethnisch sehr differenziert war, was oft zu diplomatischen Verwicklungen fuhrte, die die Spanier schliesslich fur sich ausnutzen konnten.
Oberhaupt der Stadt Tenochtitlan war der huey tlatoani ,,Grosser Sprecher", der in der Literatur oft als ,,Konig" oder ,,Kaiser" bezeichnet wird. Faktisch war der Tlatoani ein absoluter Monarch, der alleine uber die Stadt regierte und dessen Nachfolge von mannlichen Angehorigen seiner Familie gestellt wurde. Das Amt des Stellvertreters, des Cihuacoatl, wurde erst unter Itzcoatl eingerichtet und massgeblich von seinem ersten Inhaber Tlacaelel gepragt. Seine Aufgaben waren vor allem innenpolitischer Art. Rangmassig niedriger waren die Amter des Tlacateccatl und des Tlacochcalcatl, die beide sowohl zivile als auch militarische Funktionen innehatten. Sie waren aber wichtige Durchgangsamter fur den kunftigen Herrscher. Fur die Rechtsprechung war je ein separates Gericht fur Adelige und Nicht-Adelige zustandig. Die Stadt Texcoco besass ausser ihrem Fursten noch vier Ratsgremien, die fur die Rechtsprechung, Krieg, Musik, Kunst und Wissenschaft und auch den Staatsschatz zustandig waren.
Gesellschaftsstruktur
Die aztekische Gesellschaft kannte vier hauptsachliche Klassen: Adel (pilli, pl. pipiltin), Bauern und Handwerker (macehualli, pl. macehualtin), Handler (pochteca) und Sklaven (tlatlacotin). Die Zugehorigkeit zu einer Klasse war weitgehend von Geburt vorgegeben, wenn auch die macehualtin durch herausragende Verdienste im Krieg in einen besonderen, nicht erblichen Adelsrang aufsteigen konnten. So jemand konnte sich - wie alle ubrigen Krieger - Teteuctin nennen, wenngleich sein mit diesem Titel einhergehendes Gewand sich von denen der Militarlogen leicht unterschied. Somit bestand nur eine geringe soziale Mobilitat.
Adel
Die Adligen (pipiltin) standen sozial an der Spitze der Gesellschaft. Das Staatsoberhaupt (tlatoani, ,,Sprecher") entstammte stets dem Adel.
Der wirtschaftliche Status der Adligen war keineswegs einheitlich. Die Angehorigen der obersten Adelsschicht lebten in Palasten mit ausgedehntem Landbesitz, der aber nicht notwendigerweise auch direkt in der Nahe des Palastes lag. Das Land wurde von abhangigen Bauern bearbeitet, die einen festgelegten Anteil am Ertrag abgeben mussten. Die Angehorigen niedriger Adelsschichten unterschieden sich oft nur wenig von den Bauern.
Die Sohne der Adligen erhielten in Tempelschulen (calmecac) eine militarische, religiose und auch administrative Ausbildung, um sie auf ihre spateren Aufgaben vorzubereiten. Die Nachfolger der Familienoberhaupter konnten jedoch nur dann offiziell ihr Erbe antreten, wenn sie sich zuvor im Krieg ausgezeichnet hatten. Viele pipiltin wurden aber auch, oft nur fur eine gewisse Zeit, Priester (tlamacazqui), die im Zolibat lebten und im Gegensatz zu vielen anderen mesoamerikanischen Kulturen keine weltliche Macht ausubten.
Adelige besassen generell mehr Rechte als die Bauern, wurden aber auch strenger bestraft. Sie durften beispielsweise farbige Kleidung aus Baumwolle tragen und mehrstockige Hauser bewohnen, dafur jedoch wurden sie bei einem Verbrechen, fur das ein Bauer ,,nur" versklavt worden ware, zum Tode verurteilt.
Reisende Handler
Die reisenden Handler (pochteca, Einzahl pochtecatl) waren eine zahlenmassig kleine, auf Grund ihrer Schlusselposition fur den Warenverkehr wie fur die Verbreitung von Informationen jedoch wichtige Klasse. Viele dienten auch als Spione. Sie folgten eigenen Brauchen, lebten in eigenen Stadtvierteln, gehorchten einem eigenen Verhaltenskodex und unterlagen sogar einer eigenen Gerichtsbarkeit. Besonders Fernhandler konnten oft einen Reichtum anhaufen, der dem von Adelsfamilien gleichkam.
Bauern
Die einfachen Menschen (macehualtin, Einzahl macehualli) bildeten den Hauptteil der Bevolkerung. Sie waren grundsatzlich frei und hatten zumeist das Nutzungsrecht uber ein Stuck Land, das einem Adligen gehorte. Sie waren zum Kriegsdienst verpflichtet. Gegen Ende der Aztekenzeit lebte ein Grossteil der Macehualtin in Tenochtitlan nicht mehr von der Landwirtschaft, sondern vom Handwerk oder Kleinhandel. [7][8]
Die Macehualtin waren nicht an das Land eines bestimmten Adeligen gebunden, sondern konnten fortziehen und auf dem Land eines anderen arbeiten. Es gab in bestimmten Regionen jedoch auch Verbande mehrerer Bauern, calpolli genannt, die gemeinsam Land besassen, das in Parzellen aufgeteilt wurde und von den Bauern alleine bearbeitet werden konnte. Dennoch mussten auch sie Tribut leisten, jedoch nicht an Adelige, sondern direkt an den jeweiligen Herrscher. Die internen Angelegenheiten eines calpolli regelte ein Calpolli-Altester.
Sklaven
Die Position der Sklaven (tlatlacotin, Einzahl tlacotli) ahnelte eher der Sklavenhaltergesellschaft der Antike in Europa als der Sklaverei durch die Europaer im selben Zeitalter. Der Status des Sklaven war nicht erblich, das heisst, die Kinder eines Sklaven waren frei. Ein Sklave durfte Dinge und selbst andere Sklaven besitzen, ebenso konnte er sich freikaufen. Im Falle von Misshandlungen oder bei gemeinsamen Kindern mit ihrem Herrn konnten Sklaven bzw. Sklavinnen fur frei erklart werden. Starb der Herr, wurden die Sklaven vererbt, doch kamen in der Regel diejenigen mit den grossten Verdiensten frei.
Sklave wurde man oft durch eine Verurteilung fur ein Verbrechen. Ein Morder, der zum Tode verurteilt war, konnte auf Antrag der Witwe des Opfers deren Sklave werden. Ein Vater konnte seinen Sohn als Sklaven verkaufen, wenn dieser von einer Amtsperson als unerziehbar erklart wurde. Haufig wurde man auch Sklave, wenn man seine Schulden nicht bezahlen konnte.
Wirtschaft
Landwirtschaft
Die Azteken waren Feldbauern. Das Becken von Mexiko bot eine Vielzahl von naturlichen Ressourcen. Mehrere Seen versorgten die Bewohner des Tals mit Fisch und uber ihre Zuflusse mit Trinkwasser. Der grosste Teil der produzierten Nahrungsmittel kam aus der Landwirtschaft. Im tropischen Klima Mexikos konnten die Azteken Mais, Bohnen, Kurbisse, Amarant (eine getreideahnliche Pflanze), Chia (ein Kraut aus der Gattung der Salbei mit fettreichen Samen), Agaven und Kakteen anbauen; daneben wurden insbesondere Heilkrauter kultiviert. Viehzucht in grossem Stil fand nicht statt, lediglich Truthuhner und Hunde wurden gehalten.
Auf hugeligem Terrain praktizierten die Azteken eine Anbautechnik, die tlacolol genannt wurde. Dabei wurden die Felder zwei oder drei Jahre bewirtschaftet und lagen danach brach; manchmal wurden die Felder auch terrassiert. Auf flachem Land betrieb man dagegen Bewasserungsfeldbau, meist auf sogenannten Chinampas. Die Chinampas waren Anbauflachen, die aus dem sumpfigen Boden gewonnen wurden und aufgrund ihrer gunstigen Bodenfeuchtigkeit haufig mehrere Ernten im Jahr ermoglichten. In Tenochtitlan besass nahezu jedes Wohnhaus ein eigenes Chinampa, auf dem die Hausbewohner ihre eigenen Lebensmittel anbauten, doch mussten immer mehr Lebensmittel in die Stadt gebracht werden, je grosser die Stadt wurde. Da die Azteken weder beraderte Fuhrwerke noch Lasttiere wie zum Beispiel Pferde kannten, konnten die Lebensmittel auch uber grosse Entfernungen nur durch Menschen transportiert werden. Die flachenmassig grossten Chinampas befanden sich in Xochimilco am sudlichen Ende des Texcoco-Sees, wo noch heute auf diese Weise Landwirtschaft betrieben wird.
Verarbeitendes Gewerbe
Besonders in den grossen Stadten lebten Handwerker, die sich in einem hohen Masse spezialisierten. Die wichtigsten und angesehensten Berufe waren die des Gold- bzw. Silberschmieds, der Maler und auch der federverarbeitenden Handwerker. Diese Hersteller von Luxusgutern produzierten vor allem fur die adelige Oberschicht, wobei sie Arbeitsteilung betrieben. Sie waren in Vereinigungen organisiert, die stark den Gilden im mittelalterlichen Europa ahnelten. Damit besassen sie auch einige Privilegien, etwa das Recht, ihre Nachkommen selbst zu erziehen und zu unterrichten.
In der Gesellschaftshierarchie unterhalb der Hersteller von Luxuswaren befanden sich Berufe wie Topfer, Korbmacher oder auch die Weiterverarbeitung von Obsidian, das zum Beispiel fur Waffen gebraucht wurde. Sie betrieben in der Regel kleine Familienbetriebe und waren nicht weiter organisiert. Ebenso betrieben sie keine Arbeitsteilung, sondern erledigten den gesamten Herstellungsprozess selbst. Ein weiterer Bereich war die Weberei, die ausschliesslich von Frauen, gleich welcher Gesellschaftsschicht, betrieben wurde. Hergestellt wurde vor allem Kleidung, wobei es Frauen von niedrigerem Stand strengstens untersagt war, elegantere und wertvollere Kleidung zu tragen. Daneben dienten die Stoffe als Dekoration fur Haushalte, Tempel, Platze etc. sowie als Geschenke, Mitgiften oder ahnliches.
Handel und Tributwesen
Die Azteken betrieben einen schwunghaften Handel bis weit uber die Grenzen des von ihnen kontrollierten Gebiets hinaus. Als Zahlungsmittel dienten normalerweise Kakaobohnen oder Goldstaub in Federkielen. Die Handler stellten in der aztekischen Gesellschaft eine eigene Klasse mit Rechten und Pflichten dar. Wahrend Produzenten kleinerer Mengen von Gutern ihre Waren, wie Nahrung oder handwerklich gefertigte Produkte, selbst auf den Markten feilboten, gab es auch Grosshandler, die auf professionelle Art und Weise grossere Mengen vertrieben. Die Grosshandler reisten zwischen den Orten hin und her und besassen fur den Adel, der nach Luxusgutern aus fernen Gebieten verlangte, eine besondere Bedeutung. Jedoch handelten sie nicht nur mit Waren, sondern fungierten auch als Spione oder ubernahmen diplomatische Aufgaben, etwa Gesandtschaften. Sie standen sozial zwischen dem Adel und dem gemeinen Volk, doch erlangten einige Handler so grossen Reichtum, dass sie sich mit Prestigeobjekten schmucken konnten, die sich sonst nur der Adel leisten konnte. Mit der Zeit bildeten auch sie Gilden und schufen ein eigenes Rangsystem. Die Handler stellten einen wichtigen okonomischen Faktor fur die Azteken dar, doch mit der Eroberung der Stadt Tlatelolco im Jahr 1473, eines machtigen Wirtschaftszentrums auf einer Nachbarinsel Tenochtitlans, wurde die wirtschaftliche Macht der Azteken noch grosser, als sie zuvor ohnehin schon gewesen war.
Mit zunehmender Expansion der Azteken vergrosserte sich der Strom von Tributlieferungen in die drei Stadte des aztekischen Dreibundes. Die Tribute wurden eroberten Stadten auferlegt und dienten einerseits der Versorgung der Grundbedurfnisse der Stadte, andererseits aber auch zur Entlohnung von Arbeitskraften, zur rituellen Speisung bei bestimmten Festen und nicht zuletzt auch der Versorgung der Adeligen mit Luxuswaren. Als Ausgleich wurden den eroberten Orten der Schutz vor Angriffen und Hilfeleistungen in Zeiten der Not garantiert.
Die eroberten Gebiete wurden in zuletzt 38 Tributprovinzen eingeteilt, deren Verwaltungen fur die Erhebung zustandig waren, welche ein aztekischer Tributverwalter (calpixqui) uberwachte und koordinierte. Die am haufigsten geforderten Guter waren ausser den Nahrungsmitteln, wie Mais oder Bohnen, Baumwolldecken und daneben je nach Gebiet Felle oder Vogelfedern, etwa des Quetzalvogels, des Weiteren auch Meeresschnecken, Kakaobohnen oder spezielle Kleidungsstucke. Eine andere Moglichkeit war die Anforderung von Arbeitskraften fur Bauvorhaben. Die Tribute wurden ublicherweise zu je zwei Funfteln an Tenochtitlan und Texcoco verteilt, das ubrige Funftel ging an Tlacopan; manche Orte lieferten aber auch nur an eine der drei Stadte. Nach der Eroberung Mexikos durch die Spanier ubernahmen diese die penibel gefuhrten Listen uber das Ausmass und die Art der Tributlieferungen und setzten sie fur ihre eigenen Zwecke ein.
Militarwesen
Bei den Azteken nahm die Kriegsfuhrung einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert ein. Bereits bei der Geburt wurden Jungen der Schlacht ,,geweiht"; ebenso erhielten sie spater eine stark militarische Erziehung. Die besondere Bedeutung des Militarwesens zeigte sich insbesondere im politischen Bereich, denn praktisch jeder, der ein hohes Amt ubernahm, musste sich zuvor im Krieg ausgezeichnet haben. Dies galt auch fur Angehorige des Adels und besonders fur den tlatoani. Fur alle Manner bestand eine Wehrpflicht auf Zeit, es gab aber auch Manner, die ihr Leben lang als Krieger dienten. Bewahrte Krieger wurden in den Reihen der Adlerkrieger oder Jaguarkrieger aufgenommen, denen in Tenochtitlan eigene Tempel geweiht waren.
Die Kriegsfuhrung diente vor allem zwei Zwecken. Einerseits gab es Kriege mit dem Ziel der Unterwerfung anderer Staaten, die danach Tributleistungen zu entrichten hatten. Da sich besonders Tenochtitlan mit zunehmender Grosse nicht mehr selbst versorgen konnte, ergab sich die Notwendigkeit, die Versorgung der Stadt durch jene Tributzahlungen sicherzustellen. Bevor jedoch mit kriegerischen Handlungen begonnen wurde, wurden nacheinander Gesandte aus Tenochtitlan, Texcoco und Tlacopan geschickt, die offiziell die Unterwerfung forderten. Verweigerten sich die dortigen Herrscher, griffen die Azteken an. Nach der Niederlage der angegriffenen Stadt wurden ihr Tributzahlungen auferlegt.
Allerdings unterwarfen die Azteken gezielt einige Stadte nicht, um so genannte Blumenkriege fuhren zu konnen. Dabei handelte es sich um Feldzuge, die vorrangig die Gefangennahme feindlicher Krieger zum Ziel hatte, die spater den Gottern geopfert werden sollten. Krieger, die Feinde gefangen nahmen, wurden hoch geschatzt und erlangten hochste Ehren. Bei dieser Art von Krieg entfiel jedoch die Kriegserklarung durch Gesandte, vielmehr wurden die Blumenkriege im Voraus von beiden Seiten geplant und zu einem bestimmten Zeitraum in regelmassigen Zeitabstanden durchgefuhrt.
Religion
Gotter
Die polytheistische Religion der Azteken beruhte auf der Religion der Tolteken. Hauptgott war Huitzilopochtli, der Gott der Sonne und des Krieges. Ein anderer besonders verehrter Gott war Quetzalcoatl, die gefiederte Schlange, der einst ein Herrscher der Tolteken gewesen war und auf einem Kanu aus der Welt fuhr. Er war als Quetzalcoatl-Ehecatl der Gott des Windes, des Himmels, des Krieges, der Erde und ein Schopfergott, doch besonders an ihm war, dass alle Volker in der gesamten Umgebung der Azteken ihn verehrten. Neben ihm gab es auch einige Gotter unterschiedlicher Wichtigkeit, z. B. den Regengott Tlaloc. Dabei ist eine Besonderheit, dass fast jeder Bereich durch mehrere Gotter abgedeckt wird.
Die Azteken, die eines naturlichen Todes starben, kamen nach Mictlan, in die neunschichtige aztekische Unterwelt, regiert von dem Totengott und der Totengottin. Gefallene Krieger hatten die Ehre, die Sonne auf ihrem Weg von dem Sonnenaufgang bis zum Zenit zu begleiten. Die Frauen, die im Kindbett gestorben waren (ihre Art des uberlebenswichtigen Krieges), begleiteten die Sonne vom Zenit bis zum Sonnenuntergang. Menschen, die ertranken oder vom Blitz erschlagen wurden, kamen nach Tlalocan, ins Reich des Regengottes Tlaloc, auch bekannt als Paradies der Blumen.
Opferpraktiken
Die Bedeutung und der Umfang aztekischer Menschenopfer sind umstritten. Grosstenteils stammen die Schilderungen verschiedener grausamer Opferrituale von spanischen Konquistadoren und Missionaren, welche ein Interesse daran hatten, die Praktiken des heidnischen Volkes negativ darzustellen. Auch zweifelte man daran, dass die von den Azteken selbst uberlieferten Opferkulte in dieser Art auch in vollem Umfang ausgefuhrt wurden. Interpretiert wurden entsprechende bildliche Darstellungen der Opferungen als symbolisch, als bar jedes ,,physischen Realismus", als bildhaft umschriebene Darstellung von Initiationsriten oder innerlichen spirituellen Lauterungs- und Erneuerungsprozessen.[9][10] Daher wurden die folgenden uberlieferten Aussagen oft bestritten. Jedoch haben neuere Grabungsfunde die Opferrituale belegt.[11][12][13][14][15]
Uber die Zahl der geopferten Menschen besteht in der Forschung kein Konsens. Schatzungen fur die Zeit kurz vor der Conquista variieren zwischen 15.000 und 25.000 jahrlich.[16] Dazu wurden gefangene Krieger, Sklaven, aber auch Kinder verwendet. Manchmal opferten sich auch aztekische Krieger selbst freiwillig, was als grosse Ehre angesehen wurde. Ein Verfahren der Opferung bestand darin, die Menschen einzeln auf der Spitze der Pyramiden auf einem Opferstein an ihren Armen und Beinen festzuhalten und ihnen mit einem Steinmesser das Herz herauszuschneiden. Der Priester bespritzte sich selber und die Gotterstatuen mit dem frischen Menschenblut. Die Leiche wurde anschliessend die steilen Steinstufen hinabgeworfen. Bei besonders hochstehenden Opfern wurden Teile gebraten und gegessen. Kinder wurden in Kafigen zugunsten des Regengottes Tlaloc zum Weinen gebracht und man liess sie verhungern.
Die Azteken fuhrten sog. Blumenkriege mit ihren verfeindeten Volkern in beiderseitigem Einverstandnis. Bei diesen Blumenkriegen wurde im Kampf moglichst nicht getotet; das Ziel bestand darin, Gefangene zu machen, die dann als neue Opfergaben dienten. Diese Opferungen nannten sie nextlaualli ,,Schuldzahlungen an die Gotter". Sie sollten sicherstellen, dass die Sonne jeden Morgen erneut aufgehen konnte.
Neuesten Erkenntnissen zufolge haben aber auch die ,,Konige" selbst Blutopfer gespendet (Schnitt in Hand/Arm/Bein/Ohr), um die Gottheiten zu besanftigen oder zu bemuhen; eine ahnliche Praxis ist auch von den Maya bekannt. Es ist auch bekannt, dass die Priester des jeweiligen Tempels sich in das Ohr schnitten, um Blut zu gewinnen, das fur Rituale notig war. Es wurden nur sehr wenige von den damals bekannten 1600 Gottheiten angebetet, da nicht alle so wichtig waren. Die Azteken hatten diese Masse an Gottern, da sie die Gottheiten eroberter Volker ,,adoptierten". Durch diesen standigen Zulauf neuer Gotter war nicht jedem jeder Gott bekannt. Es gab verschiedene Stamme unter den Azteken, von denen jeder ,,seine" Gottheit bevorzugte.
Der spanische Konquistador Andres de Tapia beschrieb detailliert und teilweise mit genauer geographischer Verortung sogenannte Tzompantli, in Bauwerke integrierte Gestelle von Schadeln Geopferter, 2015 fand man dann tatsachlich Uberreste einer von Tapia beschriebenen Mauer aus Schadeln. Seine Schatzung von 136.000 Schadeln in diesem Bauwerk alleine wird zwar als deutlich zu hoch bewertet, aber 10.000 durften es mindestens gewesen sein.[17]
Die Menschenopfer waren in diesem Masse vermutlich in der zweiten Halfte des 15. Jahrhunderts eingefuhrt worden und hatten sich erst unter den Herrschern Axayacatl oder Auitzotl richtig behauptet. Einige Wissenschaftler sehen in dieser Entwicklung bereits ein Zeichen der Dekadenz und eines angekundigten Untergangs des Aztekenreiches, unabhangig von den Spaniern.
Die Spanier sahen die Opferrituale, die Religion und sogar die ganze Kultur der Azteken als Werk des Teufels. Charles C. Mann macht in seinem Buch 1491. New revelations of the Americas before Columbus den Leser zwar darauf aufmerksam, dass - obgleich die siegreichen Spanier in ihren Berichten wenig Bereitschaft zeigten, die Azteken wohlwollend oder neutral zu beschreiben - in der Offentlichkeit vorgebrachte Zweifel an den beobachteten Opferpraktiken vollkommen substanzlos seien, schon weil sie auch in erhaltenen aztekischen Quellen auftauchten. Insofern seien die spanischen Aussagen glaubwurdig. Jedoch fuhrt er an, dass zeitgleich in Europa und auch in Spanien gleichfalls eine blutige Kultur ritualisierter und grausamer Totungen existierte - in der Gerichtsbarkeit. Hinrichtungen seien regelmassige offentliche Spektakel gewesen, die zahlreiche Zuschauer angezogen hatten, und religiose Abweichler seien auf den Scheiterhaufen in Toledo lebendig verbrannt worden. Hier bestunde wohl kein moralischer Vorteil des erobernden Europas gegenuber den Mexika - moglicherweise nicht einmal in der Anzahl der Totungen.[18]
Wissenschaft
Kalender
Der aztekische Kalender kombinierte einen fur den taglichen Gebrauch und fur die Wahrsagerei dienenden Zyklus von 260 Tagen, der tonalpohualli genannt wurde. In ihm wurden die Zahlen von 1 bis 13 mit 20 Zeichen verschrankt, so dass 260 verschiedene Kombinationen entstanden. Die einzelnen Abschnitte von 13 Tagen begannen demnach mit je einem der 20 Zeichen und wurden nach ihm benannt. Das Sonnenjahr xihuitl dauerte 365 Tage, eine Anpassung an die tatsachliche Lange des Sonnenjahres durch Schaltung wurde nicht vorgenommen. Das Jahr bestand aus 18 Abschnitten zu 20 Tagen, die jeweils mit einem grossen Fest endeten. Am Ende des Jahres folgen noch 5 unnutze Tage (nemontemi), die als unglucklich angesehen und in denen grossere Aktivitaten vermieden wurden.
Schrift
Die Azteken besassen kein Schriftsystem, mit dem vollstandige Texte wiedergegeben werden konnten. Fur ihre Aufzeichnungen und Monumente verwendeten sie eine erzahlende (narrative) Bilderschrift, in denen die Sachverhalte so gut wie moglich abgebildet wurden. Durch konventionalisierte Darstellungsweisen wurde die Prazision erhoht. Erganzend wurde fur Namen von Personen und Orten und zur Kennzeichnung von Waren, Massen und ahnlichem hieroglyphenartige Zeichen verwendet. Mit ihnen wurden Inhalte (Ideogramme) dargestellt oder Worte oder deren Teile durch feststehende Zeichen (Logogramme) niedergeschrieben. In einer Reihe von Handschriften aus der Region von Texcoco wurden statt der Logogramme oder erganzend zu ihnen Silbenzeichen verwendet, die aus Logogrammen entstanden sind. Fast alle vorspanischen Dokumente (Codices) wurden von den spanischen Eroberern zerstort, da man meinte, sie beinhalten nur Lugen des Teufels.
Medizin
Die aztekische Medizin bzw. ,,altmexikanische Heilkunde"[19] ahnelt in ihren Grundlagen der Heilkunde asiatischer Volker[20] und beruht auf ubernaturlichen Vorstellungen, besass jedoch auch empirisch-rationale Anteile. Ihren hochsten Entwicklungsstand hatte sie zwischen 1200 und 1500 erreicht. Eine fruhe neuzeitliche Quelle zur aztekischen Heilkunde sind die Historia general de las cosas de Nueva Espana von Bernardino de Sahagun und der Codex Badianus.[21][22] Ein Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart[22] stellen die mexikanischen curanderos[23] dar, die als Heiler erste medizinische Ansprechpartner vor Ort sein konnen.[24] Als Heilpflanzen kommen sowohl europaische als auch mexikanische Pflanzen zur Anwendung.[25] Auf die Verwendung psychedelischer Pilze fur Heilrituale und rituell-feierlichen Anlasse in Mesoamerika deuten sowohl sogenannte Pilzsteine, die auf 1000 v. Chr. - 500 n. Chr. datiert werden, als auch schriftliche Zeugnisse im Buch Historia general de las cosas de Nueva Espana aus dem 16. Jahrhundert.[6][26][27] Darin wird an mehreren Stellen der Gebrauch und die Wirkung des von den Azteken so bezeichneten ,,Teonanacatl" (meist ubersetzt als Fleisch der Gotter oder gottliche Pilze) dargestellt. So beschreibt Sahagun etwa eine Feier von Geschaftsleuten:
,,Bei der festlichen Zusammenkunft [...] assen sie Pilze. Sie nahmen keine andere Nahrung ein; sie tranken die ganze Nacht nur Schokolade. Sie assen die Pilze zusammen mit Honig. Als die Pilze zu wirken begannen, wurde getanzt und geweint [...] Einige sahen in ihren Visionen, wie sie im Tod die Ruhe fanden [...] Als die Wirkung der Pilze nachliess, sassen sie zusammen und erzahlten einander, was sie in ihren Visionen gesehen hatten."[6]
Kunst
Bekannt und uber Eroberungen und Expeditionen auch nach Europa und in dortige Museen gelangt sind Werke z. B. der aztekischen Federkunst. Federn wurden in eine enge Beziehung mit den aztekischen Gottern gebracht und waren mit einer umfangreichen symbolischen Bedeutung verbunden und fur das indigene Volk weitaus wertvoller als Gold.[28]
Siehe auch
Literatur
Deutschsprachig
- Nigel Davies: Die Azteken: Meister der Staatskunst - Schopfer hoher Kultur. Econ, Dusseldorf 1979, ISBN 3-499-16950-9.
- Serge Gruzinski: Die Azteken: kurze Blute einer Hochkultur. Maier, Ravensburg 1992, ISBN 3-473-51028-9.
- Peter Hassler: Menschenopfer bei den Azteken? - Eine quellen- und ideologiekritische Studie. Europaische Hochschulschriften; Reihe XIX Volkskunde/Ethnologie, Abt. B: Ethnologie, Vol. 30. Peter Lang AG, Europaischer Verlag der Wissenschaften, Bern 1992, ISBN 3-261-04587-6.
- Doris Heyden: Gartenkunstler in der neuen Welt. In: Spektrum der Wissenschaft. Oktober 2003, S. 70-75, ISSN 0170-2971 (Artikel uber den Gartenbau der Azteken)
- Felix Hinz: ,,Hispanisierung" in Neu-Spanien 1519-1568. Transformation kollektiver Identitaten von Mexica, Tlaxkalteken und Spaniern. 3 Bande, Kovac, Hamburg 2005, ISBN 3-8300-2070-8.
- Ulrich Kohler (Hrsg.): Altamerikanistik. Eine Einfuhrung in die Hochkulturen Mittel- und Sudamerikas. Reimer, Berlin 1990, ISBN 3-496-00936-5.
- Doris Kurella u. a. (Hrsg.): Azteken. Grosse Landesausstellung Baden-Wurttemberg '19. Hirmer, Munchen 2019, ISBN 978-3-7774-3377-6.
- Hanns J. Prem: Die Azteken. Geschichte - Kultur - Religion. 5. Auflage. C. H. Beck, Munchen 2011, ISBN 978-3-406-45835-4.
- Hanns J. Prem: Geschichte Altamerikas. 2., uberarbeitete Auflage. Oldenbourg, Munchen 2008, ISBN 978-3-486-53032-2.
- Hanns J. Prem, Ursula Dyckerhoff: Das alte Mexico. Geschichte und Kultur der Volker Mesoamerikas. Bertelsmann, Munchen 1986.
- Berthold Riese: Das Reich der Azteken: Geschichte und Kultur. C. H. Beck, Munchen 2011, ISBN 978-3-406-61400-2.
- Jacques Soustelle: Das Leben der Azteken: Mexiko am Vorabend der spanischen Eroberung. Manesse-Verlag, Zurich 1993, ISBN 3-7175-8086-8.
- Tzvetan Todorov: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen. 8. Auflage. Suhrkamp Edition, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-518-11213-9.
- Camilla Townsend: Funfte Sonne. Eine neue Geschichte der Azteken. Beck, Munchen 2023, ISBN 978-3-406-79817-7.
Englischsprachig
- Nigel Davies: The Toltec heritage: From the fall of Tula to the rise of Tenochtitlan. University of Oklahoma Press, Norman 1980.
- Nigel Davies: The Aztec Empire. University of Oklahoma Press, Norman 1987, ISBN 0-8061-2098-3.
- Frances F. Berdan: The Aztecs of Central America. An Imperial Society. CBS College Publishing, New York 1982, ISBN 0-03-055736-4.
- Elizabeth P. Boone: The Aztec World. Smithsonian Books, Washington, DC 1994.
- Alfonso Caso: The Aztecs: People of the Sun. University of Oklahoma Press, ohne Ort 1988, ISBN 0-8061-2161-0.
- Pedro Carrasco: The Tenochca Empire of Ancient Mexico. University of Oklahoma Press, Norman 1999, ISBN 0-8061-3144-6.
- Royal Academy of Arts London (Hrsg.): Azteken. DuMont-Literatur-und-Kunst-Verlag, Koln 2003, ISBN 3-8321-7219-X.
- Michael E. Smith: The Aztecs. Blackwell, Malden 1996 / Oxford 2. Aufl. 2005, ISBN 0-631-23016-5.
- Felipe Solis: The Aztec Empire. Guggenheim Museum, New York 2004, ISBN 0-89207-321-7.
- Richard F. Townsend: The Aztecs. Thames and Hudson, London 2000, ISBN 0-500-27720-6.
Franzosischsprachig
- Christian Duverger: L'Origine des Azteques. Ed. du Seuil, Paris 2003, ISBN 2-02-059075-1.
- Christian Duverger: La Fleur letale. Ed. du Seuil, Paris 1979, ISBN 2-02-005169-9.
- Miguel Leon-Portilla: La pensee azteque. Seuil ,,Recherches anthropologiques". Ed. du Seuil, Paris 1985, ISBN 2-02-006712-9.
- Miguel Leon-Portilla, Brigitta Leander: Anthologie Nahuatl: Temoignages litteraires du Mexique indigene. L'Harmattan/Editions UNESCO, Paris 1997, ISBN 2-7384-4836-4.
- Jacques Soustelle: L'Univers des Azteques. Hermann, Paris 1979, ISBN 2-7056-5901-3.
- Eric Roulet, Jacqueline Durand-Forest, Daniele Dehouve: Parlons Nahuatl. La langue des azteques. L'Harmattan, Paris (u. a.) 1999, ISBN 2-7384-8545-6.
- Tzvetan Todorov, Georges Baudot: Recits azteques de la conquete. Textes choisis et presentes par Georges Baudot et Tzvetan Todorov; trad. du nahuatl par Georges Baudot et de l'espagnol par Pierre Cordoba; annotes par Georges Baudot. Ed. du Seuil, Paris 1983, ISBN 2-02-006628-9.
Weblinks
- Literatur uber die Azteken im Katalog des Ibero-Amerikanischen Instituts in Berlin
- James Maffie: Aztec Philosophy. In: James Fieser, Bradley Dowden (Hrsg.): Internet Encyclopedia of Philosophy.
- Das Linden-Museum Stuttgart zeigt von 12. Oktober 2019 bis 3. Mai 2020 die Grosse Landesausstellung ,,Azteken", lindenmuseum.de, abgerufen am 24. Oktober 2019
Einzelnachweise
- | Hanns J. Prem: Die Azteken. Geschichte - Kultur - Religion. (= Beck'sche Reihe. Band 2035: C. H. Beck Wissen). 4., durchgesehene Auflage. Verlag C. H. Beck, Munchen 2006, ISBN 3-406-45835-1, S. 9-10.
- | Hanns J. Prem: Die Azteken. Geschichte - Kultur - Religion. (= Beck'sche Reihe. Band 2035: C. H. Beck Wissen). 4., durchgesehene Auflage. Verlag C. H. Beck, Munchen 2006, ISBN 3-406-45835-1, S. 76.
- | Azteken-Pyramide in Mexiko-Stadt | News | www.spektrum.de
- | Hanns J. Prem: Die Azteken. Geschichte - Kultur - Religion. 4. Auflage. Verlag C. H. Beck, Munchen 2006, S. 86.
- | Hanns J. Prem: Die Azteken. Geschichte - Kultur - Religion. 4. Auflage. Verlag C. H. Beck, Munchen 2006, S. 92.
- | a b c Bernardino de Sahagun: General History of the Things of New Spain - The Florentine Codex. In: World Digital Library. Abgerufen am 5. Januar 2021.
- | Annals of Anthropology, UNAM, Vol. xi, 1974, S. 56.
- | William T. Sanders: Settlement Patterns in Central Mexico. Handbook of Middle American Indians, 1971, vol. 3, S. 3-44.
- | so 1992 der Schweizer Ethnologe Peter Hassler: Die Luge des Hernan Cortes.
- | vgl. insgesamt: Peter Hassler: Menschenopfer bei den Azteken?: Eine quellen- und ideologiekritische Studie. (= Europaische Hochschulschriften / European University Studies / Publications Universitaires Europeennes). Verlag Peter Lang, Bern 1992.
- | Totenkult am Feuerberg. Warum haben die Azteken Menschen gehautet und Kinder geopfert? Archaologen legen in Mexico City den grossten Kultplatz des ratselhaften Volkes frei und stossen auf Spuren grausamer Rituale. In: Der Spiegel. 26. Mai 2003 Ausgabe 22/2003
- | ZDF.de - Der Opferkult der Azteken (Memento vom 3. Dezember 2016 im Internet Archive)
- | Claudia Krapp: Opferrituale fur die Gotter. In: scinexx. 11. April 2025, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- | Klaus Taschwer: Neue grausige Erkenntnisse uber Opferkult der Azteken. In: Der Standard. 26. Juni 2018, abgerufen am 13. Oktober 2025.
- | Lizzie Wade: Feeding the gods: Hundreds of skulls reveal massive scale of human sacrifice in Aztec capital. In: Science. 28. Marz 2021, doi:10.1126/science.aau5404 (science.org [abgerufen am 13. Oktober 2025]).
- | Hanns J. Prem: Geschichte Altamerikas. (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Band 23). 2. Auflage, Oldenbourg, Munchen 2008, ISBN 978-3-486-53032-2, S. 222.
- | Sven Felix Kellerhoff: Archaologie: Dieser Fund beweist die Menschenopfer der Azteken. In: WELT.de. 12. Oktober 2019, abgerufen am 15. November 2025.
- | vgl. Charles C. Mann: New Revelations of the Americas before Columbus. Vintage Books (Random House), New York 2011, S. 136 f.
- | Hans Schadewaldt: Altmexikanische Heilkunde. In: Die Medizinische Welt. Band 26, 1962, S. 1455-1464.
- | Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Ubersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Gottingen/Heidelberg 1960, S. 6.
- | Doris Schwarzmann-Schafhauser: Aztekische Medizin. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopadie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 124 f.
- | a b Bernard Ortiz de Montellano: Aztec sources of some Mexican folk medicine. In: Richard P. Steiner (Hrsg.): Folk medicine. The art and the sciences. American Chemical Society, Washington D.C. 1986, ISBN 0-8412-0939-1, S. 1-22.
- | Xavier Lozoya: An overview of the system of traditional medicine currently practised in Mexico. In: H. Wagner, Norman R. Farnsworth (Hrsg.): Plants and traditional medicine (= Economic and medicinal plant research. Band 4). Acad. Press, London/San Diego 1990, ISBN 0-12-730065-1, S. 81.
- | Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung (= Wurzburger medizinhistorische Forschungen. Band 65). Konigshausen & Neumann, Wurzburg 1998, ISBN 3-8260-1667-X, S. 225 f.
- | Stephanie Suhr: Arzneipflanzen Mexikos: Kulturgeschichte, Austausch mit der Alten Welt und indigene Konzepte. Teil 1-2. Wissenschaftliche Arbeit fur das Staatsexamen im Fach Biologie. Freiburg im Breisgau (Januar) 1993.
- | R. Gordon Wasson: The Wondrous Mushroom: Mycolatry in Mesoamerica. City Lights Publishers, 2014, ISBN 978-0-87286-592-1 (google.de [abgerufen am 5. Januar 2021]).
- | Hallucinogenic drugs in pre-Columbian Mesoamerican cultures. In: Neurologia (English Edition). Band 30, Nr. 1, 1. Januar 2015, ISSN 2173-5808, S. 42-49, doi:10.1016/j.nrleng.2011.07.010 (sciencedirect.com [abgerufen am 6. Januar 2021]).
- | Andreas Volz: Weitaus wertvoller als Gold. 12. Marz 2015. (badische-zeitung.de)