Unixoides System
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Ein unixoides, unixahnliches oder unixartiges System ist ein Betriebssystem, das versucht, die Verhaltensweise von Unix zu implementieren. Bis zur Mitte der 1990er Jahre bezog man sich dabei auf die Referenz des von AT&T vertriebenen Unix-System-V-Produkts, mit dem andere Softwarehersteller kompatibel blieben. Nachfolgend bezeichnet es Systeme, die die Single UNIX Specification der Open Group nur teilweise umsetzen, darunter die BSD-artigen-Systeme, oder die volle Konformitat nicht nachweisen, darunter Linux.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Begriffseinfuhrung ist mit der Geschichte von Unix selbst verbunden. Das ursprungliche Unix-Betriebssystem, das 1969 an den Bell Labs entwickelt wurde, wurde mitsamt Quellcode veroffentlicht. Die ersten Weiterentwicklungen, anfanglich nur an den Universitaten, waren durch die Benutzung dieses Quellcodes selbst Unix-Varianten und konnten den Begriff ,,Unix" noch frei verwenden. Mit dem Beginn der Kommerzialisierung der ursprunglichen Entwicklungslinie ab 1979 wurde der Markenname UNIX starker uberwacht, d. h. nur die Lizenznehmer durften ihre Software als UNIX bezeichnen (zum Beispiel Siemens Sinix, aber nicht Microsoft Xenix). Andere Firmen, die ihre Betriebssysteme nach dem Standard der universitaren Unix-Varianten entwickelt hatten, mussten andere Bezeichnungen verwenden. So entstanden in den spaten 1970er und fruhen 1980er Jahren diverse Wortschopfungen, die auf die Ahnlichkeit mit Unix hinwiesen, etwa fur Systeme wie Idris (1978), mnOS (1982), Coherent (1983) und UniFlex (1985). Die Unterscheidung zwischen den auf AT&T-Quellen basierenden und mit der Marke UNIX verknupften Systemen wurde teilweise auch uber die vom Markennamen abweichende Schreibweise Unix vorgenommen, was aber teils als nicht hinreichend unterscheidbar angesehen wurde.
Zur Wiedererkennung verwendeten spatere Betriebssysteme, die Unix-ahnlich sein wollten, dann verstarkt einen Eigennamen, der auf -x oder -ix endete, darunter AIX, A/UX, HP-UX, IRIX, Ultrix, Xenix sowie Minix und Linux. Darausfolgend bildete sich auch eine Schreibform ,,Un*x"[1] fur den Oberbegriff heraus, der das Verbindende in der Endungsform noch anzeigt, sich von der Wortmarke UNIX (und Unix) aber noch hinreichend unterscheidet. Als sich 1985 eine Arbeitsgruppe bei der IEEE zusammenfand, um einen definierten Mindeststandard fur Unix-artige Betriebssysteme zu beschreiben, verwendeten sie dann auch einen Projekttitel ,,IEEE-IX" mit ebendieser ,,-ix"-Endung, und der 1988 veroffentlichte IEEE-Standard 1003 zum ,,Portable Operating System Interface" wurde als POSIX abgekurzt (heute ,,POSIX.1").
Die Verwendung des Begriffes Unix wandelte sich ab 1993, als die X/Open Gruppe, ein Konsortium von Herstellern Unix-ahnlicher Betriebssysteme, den Markennamen UNIX von Novell kaufte. Die Hersteller hatten eine Spezifikation unter dem Namen X/Open Portability Guide (XPG) erstellt und erlaubten Firmen, ihre Software nach diesen Richtlinien zertifizieren zu lassen. Statt einer Abkunft vom ursprunglichen Unix-Quellcode bezeichnete UNIX nun die erfolgreiche Abnahmeprufung,[2] und mit dem Zusammenschluss der X/Open Gruppe mit der Open Software Foundation (OSF), einem anderen Herstellerverband Unix-ahnlicher Systeme, steht UNIX seitdem in Verwendung als Testsiegel. Die 1996 geschaffene Open Group entwickelte den Prufkatalog der ,,Single UNIX Specification" (kurz SUS) und bezeichnete die Generationen mit den Markenzeichen UNIX 95 (auf Basis XPG4) und UNIX 98 (fur die SUS-Version2 mit 64-Bit-Erweiterung). Nach 1998 wird die SUS gemeinsam mit der POSIX-Spezifikation entwickelt (Austin Group)[3] und mundet in UNIX 03 (SUS Version3, POSIX 2001 edition) - eine Unix-Ahnlichkeit bezieht sich dann auf diese Anforderungskataloge.
Obwohl nun frei zuganglich, verwenden nicht alle Unix-artigen Systeme den Markennamen UNIX. Zum einen vermieden freie Betriebssysteme wie Linux die Zertifizierung aus Kostengrunden, obwohl sie alle Anforderungen erfullten. Zum anderen basiert die Testspezifikation der Unix-Hersteller auf dem System V[4][5], die sich in einigen Punkten von der Entwicklung der Universitat Berkeley unterscheidet - die BSD-basierten Betriebssysteme wie NetBSD, FreeBSD oder OpenBSD sind so nicht vollig SUS-konform.[5][6] So sind auch aktuelle Systeme wie Linux oder GNU Hurd nur Unix-ahnlich, aber nicht UNIX-konform.
Kategorien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Es gibt grundsatzlich zwei unterschiedliche Kategorien unixoider Betriebssysteme: ,,genetische" Unices, die vom Quellcode des ursprunglichen, von den Bell Laboratories entwickelten, Unix abstammen, und ,,funktionelle" Unices, die unabhangig davon entwickelt wurden, aber dessen Funktionsweise nachahmen.
Der Hacker und Programmierer Eric S. Raymond hat zusatzlich eine dritte Kategorie vorgeschlagen, sodass die Einteilung folgendermassen aussieht:[7]
- genetische Unices, auch als Unix-Derivate oder genetische Unixoide bezeichnet: Diese Systeme haben eine historische Verbindung zur AT&T-Codebasis. In diese Kategorie fallen die meisten proprietaren Unix-Varianten (zum Beispiel AIX, IRIX und HP-UX) sowie die BSD-Systeme und OpenSolaris, die im Laufe der Geschichte von der kommerziellen Variante abgespalten wurden und heute teilweise keinen originalen Unix-Quellcode mehr enthalten, was zum Beispiel auf von BSD abgeleitete Systeme wie FreeBSD oder Darwin zutrifft. Enthalt ein genetisches Unixsystem keinen originalen Unix-Quellcode, so bezeichnet man es oft auch als Unixoid.
- Markenzeichen ,,UNIX": Diese Systeme wurden von der Open Group zertifiziert, die Single UNIX Specification zu erfullen, und durfen daher das Registered Trade Mark UNIX tragen. Die meisten dieser Systeme sind kommerziell und originare Unix-Derivate, obwohl manche (zum Beispiel IBMs z/OS oder Huaweis EulerOS[8]) das Warenzeichen durch eine POSIX-Kompatibilitatsschicht erhalten haben und ansonsten keine echten Unix-Systeme sind.
- funktionelles Unix (auch Unixoid genannt): Allgemein jedes System, das sich in einer einigermassen ahnlichen Weise verhalt wie Unix; spezieller kann sich das auf Systeme wie Linux (siehe auch Linux-Distribution) und Minix beziehen, die sich ahnlich wie ein UNIX-System verhalten, aber keine genetische oder markenrechtliche Verbindung zur AT&T-Codebasis haben. Die meisten freien bzw. Open-Source-Implementierungen des UNIX-Designs, ob genetisch oder nicht, also z. B. auch NetBSD und Darwin, fallen in die eingeschrankte Definition dieser dritten Kategorie. Betriebssysteme dieser Kategorie werden zumeist als Unixoid bzw. unixoide Systeme bezeichnet.
Die Einordnung eines Systems vor allem in die erste und die letzte Kategorie ist nicht immer eindeutig moglich, da diese Systeme aufgrund ihrer freien Lizenzen und der bei Unix ublichen Trennung zwischen Kernel und Userland (s. u.) durchaus auch kombiniert werden konnen, wie etwa bei Gentoo/FreeBSD.
Die erste Kategorie ist noch weiter in proprietar genetisches Unix und frei genetisches Unixoid (BSD-Linie) unterteilbar. Proprietare genetische Unices sind zum Beispiel AIX, IRIX, HP-UX, Solaris, SCO Unix und macOS, wobei bei letzterem das Subsystem Darwin frei ist (APSL, GNU GPL unter anderem), alle hoheren Programmierschnittstellen und Frameworks jedoch proprietar sind. Frei genetische Unices bzw. Unixoide sind zum Beispiel FreeBSD, NetBSD, OpenBSD und Darwin.
Systemarchitektur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Systemarchitekturen unixoider Systeme besitzen Gemeinsamkeiten. Ihnen werden allgemeine Vorteile eines ausgereiften Designs wie Sicherheit, Stabilitat und Effizienz nachgesagt. Viele Namen unixoider Systeme enden auf ,,-ux" oder ,,-ix" oder bilden rekursive Akronyme.
Unixoide Systeme besitzen eine allgemeine Modularitat, die insbesondere in der Trennung von Kernel und Userland bestehen. Wichtige Bestandteile eines unixoiden Systems sind eine Unix-Shell, hier insbesondere die Kornshell, die Bourne-Shell und deren freie Implementierung, die Bourne-again shell (bash), sowie der Grafikserver X11. Unixoide Systeme bieten von Haus aus eine Benutzerverwaltung (siehe auch Root-Konto und Unix-Dateirechte) und versuchen eine Client-Server-Architektur abzubilden. Sie verfolgen dabei die Devise ,,alles ist eine Datei", was zu einer standardisierten Verzeichnisstruktur gefuhrt hat (siehe dazu auch Stammverzeichnis, Mounten, Filesystem Hierarchy Standard und Daemon) (siehe dazu auch die Artikel Unix-Philosophie und Unix-Kommandos).
Unix und GNU
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Zusammenhang mit unixoiden Systemen steht auch die Freie-Software-Bewegung. Richard Stallman grundete 1983 das GNU-Projekt, um den Verlust des zuvor an Universitaten als Quelltext frei verfugbaren Betriebssystems Unix zu ersetzen, indem die Bestandteile des Betriebssystems UNIX vollstandig neu entwickelt und unter einer freien Lizenz veroffentlicht wurden.[9]
Anfang der 1980er Jahre stellte man das GNU-System bis auf den Kernel Hurd weitgehend fertig und setzte es auf den verschiedensten Systemen, vom Atari-ST- bis zu Z80-Computern oder auch auf den IBM-PC-Systemen unter MS-DOS ein, um eine Unix-artige Arbeitsumgebung zu schaffen. Unter MS-DOS war der Nutzen, z. B. mit DJGPP stark eingeschrankt, da das MS-DOS-System in keiner Weise Multitasking-fahig war und keine echten Pipes kannte.
Als Linus Torvalds im Januar 1992 seinen Linux-Kernel unter der GNU-GPL verfugbar machte, wurde ein vollstandig freies Betriebssystem auch auf IBM-PC-kompatiblen Computern nutzbar. Die heutzutage am haufigsten verwendete GNU-Variante ist deshalb jene, die den Linux-Kernel benutzt und daher meist vereinfachend nur ,,Linux" genannt wird. Die Free Software Foundation, Debian und einige andere Organisationen bevorzugen jedoch die Bezeichnung GNU/Linux, um sich von Linux zu distanzieren, da sie von Linux abweichende politische Ziele verfolgen: wahrend Linus Torvalds dem Open-Source-Lager zuzuordnen ist, kampft insbesondere die Free Software Foundation fur das Prinzip der Freien Software. Sie sieht durch die Vereinnahmung von GNU durch Linux die Gefahr, dass dabei ihre politische Botschaft an Bedeutung und Aufmerksamkeit verliert.[10][11] Das Debian-Projekt druckt durch die Bezeichnung als GNU/Linux aus, dass Linux nur einer von vielen moglichen Kerneln fur GNU ist. Dies wird besonders dadurch deutlich, dass es mittlerweile Debian auch in einer GNU/kFreeBSD-Variante (mit FreeBSD-Kernel) gibt sowie eine Debian Variante GNU/Hurd (mit GNU Hurd-Kernel) in Arbeit ist.[12]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- | Eric S. Raymond, Guy L. Steele Jr.: UN*X. In: The Jargon File. Abgerufen am 22. Januar 2009.
- | https://www.unix.org/what_is_unix/
- | https://www.unix.org/unix/version3/overview.html
- | Jurgen Gulbins, Karl Obermayer: UNIX System V.4. 4. Auflage. Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New York 1995, ISBN 3-540-58864-7, S. 12.
- | a b Jurgen Gulbins und Karl Obermayr Snoopy: Linux. 1. Auflage. Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New York 1995, ISBN 3-540-00815-2, S. 24 und 32.
- | Tim O'Reilly: Das BSD UNIX Nutshell Buch. Addison-Wesley, Bonn, Munchen, Reading, Menlo Park, New York, Don Mills, Wokingham, Amsterdam, Sydney, Singapore, Tokyo, Madrid, San Juan 1989, ISBN 3-89319-219-0, S. 9 (englisch: UNIX in a Nutshell, BSD Edition.).
- | Eric Raymond, Rob Landley: OSI Position Paper on the SCO-vs.-IBM Complaint. Abgerufen am 25. Oktober 2010 (englisch).
- | Huawei KunLun EulerOS 2.0 Operating System Passes UNIX Certification. (Pressemitteilung) Huawei, 9. September 2016, abgerufen am 25. September 2022 (englisch): ,,Today Huawei announced that its EulerOS 2.0 operating system for its KunLun mission critical servers has earned UNIX 03 certification from The Open Group. This means that Huawei EulerOS 2.0 has been officially certified as a UNIX system."
- | GNU Manifesto
- | [1] Youtube: Open Source Movement vs. Free Software
- | [2] Youtube: Linus Torvalds - Disagreement With Free Software Foundation
- | [3] Debian GNU flavors