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Ragtime

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Ragtime (Begriffsklarung) aufgefuhrt.

Ragtime ist ein in den USA entstandener Vorlaufer des Jazz, der seine Blutezeit zwischen 1899 und 1914 hatte. Er gilt als ,,Amerikas klassische Musik"[1] und wird heute im Wesentlichen als Klavierstil wahrgenommen und praktiziert, wurde aber auch auf anderen Instrumenten, besonders auf dem Banjo, aber auch in klein- und mittelformatigen Ensembleformationen gespielt.

The Ragtime Dance, 1906 (Scott Joplin).

Die im Musikschrifttum am haufigsten vertretene etymologische Deutung leitet den Namen Ragtime aus ragged time (,,zerrissene Zeit") ab, was sich auf die von europaischen Horern im Kontrast zum gleichformigen Rhythmus der Begleitung als synkopiert wahrgenommene Melodiefuhrung bezieht. Eine andere Deutung legt ein Hinweis im Musical Record von 1899 nahe, in dem es heisst: "The negroes call their clog-dancing 'ragging' and the dance a 'rag'." - ,,Die Neger nennen ihren Holzschuhtanz ,ragging' und den Tanz einen ,rag'."

Wahrend um 1900 mit Ragtime verschiedene Sparten des afro-amerikanischen Musik-Entertainments bezeichnet wurden und selbst John Philip Sousa orchestrierte Ragtimes in sein Repertoire ubernahm und Bluesmusiker wie Blind Blake und Blind Boy Fuller den Ragtime auch auf die Gitarre ubertrugen, versteht man heute darunter zumeist den auf dem Klavier gespielten ,,City-Ragtime".

Eine weitere etymologische Beziehung glaubt der Musikjournalist Karl Gert zur Heide im arabischen Wort fur ,Tanz' (arabisch rqS, DMG raqs) gefunden zu haben.[2] Er verweist dabei auf stark beachtete US-Auftritte von orientalischen Tanzgruppen (Raqs Scharqi) im Entstehungszeitraum des Ragtimes, darunter auch bei der Weltausstellung 1893 in Chicago.[3] Diese aufgrund ihres spekulativen Charakters kontrovers diskutierte These[4] geht auf einen seit den 1990er Jahren insbesondere im Umfeld der osterreichischen Jazzforschung gefuhrten Diskurs zuruck, der durch die Arbeiten von Alfons M. Dauer initiiert und von Maximilian Hendler inhaltlich weiter zugespitzt wurde,[5] und der darauf abzielt, die afroamerikanischen Einflusse auf die Genese der Fruhformen des Jazz in ihrem multikulturellen Umfeld zu betrachten und damit zu relativieren.[6]

Musikalische Charakteristik

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Kennzeichen des Ragtime sind zum einen eine freizugige Synkopierung in der Melodiestimme, die oft gegen eine einfache Basslinie im Zweiviertel- oder Vierviertel-Takt verlauft, zum anderen ein Satz verwandter Themen, die innerhalb eines Stucks durch Modulationen miteinander verbunden waren.[7]

Fur den ,,City-Ragtime" charakteristisch ist die stride-Technik der linken Hand, bei der auf die Achtelschlage 1 und 3 des ragtimetypischen 2/4 Taktes der Bass (meist in Oktavschlagen), und auf den 2. und 4. Achtelschlag die Akkorde gespielt werden. Die ,,Zerrissenheit" ergibt sich aus der Tatsache, dass die von der rechten Hand dazu vor allem in Sechzehntel- und Achtelnoten notierte Melodie zeitliche Verschiebungen zum von der linken Hand stetig gespielten Takt aufweist, oft Sechzehntel-Notenuberbindungen uber die Taktmitte oder den Taktstrich hinweg.

Ragtime-Rhythmus

Einigen Ragtime-Komponisten ist es bei einzelnen ihrer Werke gelungen, die afroamerikanischen Ursprunge der Ragtime-Synkopierung heraushorbar zu machen. In vielen Fallen ahnelt der Rhythmus der Habanera, der moglicherweise in Lateinamerika, weil dort Trommeln nicht verboten waren, direkt aus der afrikanischen Musik der Vorfahren uberliefert ist und in den USA auf andere Instrumente ubersetzt wurde.

Weitere wichtige Stilmittel des Ragtime sind Schleifer (slurs) mit ,,blue notes", chromatische Durchgange, Verschrankung von Dur und Moll, und enge Tonhaufungen (cluster).

Ragtime ist zunachst komponierte Musik, und das Element der Improvisationen ist keine unbedingt notwendige Zutat des Ragtime-Spiels. Es ist historisch nicht gesichert, welchen Stellenwert sie zunachst hatte.[8] Die Interpretation eines Rags ist jedoch durchaus individuell, man nehme nur die Scott-Joplin-Interpretationen von Marcus Roberts im Stile des Chicago-Jazz. Viele der ersten Jazz-Pianisten kamen allerdings vom Ragtime her, und einige der ersten Jazz-Standards waren Rag-Kompositionen.

Die formelle Gliederung eines Rags folgt dem Aufbau eines Marsches (einige Rags tragen noch die Bezeichnung ,,March" im Titel, der Abschnitt C wird gelegentlich als ,,Trio" bezeichnet). Jeweils 16-taktige Abschnitte - sogenannte ,,Strains" - sind haufig nach dem Schema AA-BB-A-CC-DD angeordnet, wobei die Strains C und D in der Regel in einer anderen Tonart - meist der Subdominante - stehen. Am Anfang steht oft eine kurze Einleitung, vor dem Abschnitt C gelegentlich eine kurze Uberleitung. Alle Abschnitte werden in der Regel zweimal gespielt, Ausnahme ist meist die Wiederholung des Abschnitts A nach dem Abschnitt B. Eine Coda ist eher selten (Beispiel: Magnetic Rag von Scott Joplin).

Beispiele:

  • The Entertainer (Scott Joplin): AA BB A CC Uberl. aus Strain B DD
  • Maple Leaf Rag (Scott Joplin): AA BB A CC DD
  • Magnetic Rag (Scott Joplin): Einl. AA BB CC DD AA Coda
  • Reindeer Rag (Joseph Lamb): Einl. AA BB A CC DD
  • Grace and Beauty (James Scott): Einl. AA BB A Uberl. CC (,,Trio") DD
  • Black And White Rag (George Botsford): AA BB A CC B
  • Pork And Beans (Luckey Roberts): AA B A C D C
  • Pineapple Rag (Scott Joplin)
Titelblatt des Entertainer (1902)

Mit dem Cakewalk kam in den 1890er Jahren eine Tanzmode auf, zu der synkopierte Musik gespielt wurde. Die Synkopierung der Melodien leitete sich aus der afroamerikanischen Rhythmik derjenigen Volksmusik ab, von der letztlich diese neue Tanzmusik herkam. Vorlaufer lassen sich bereits seit etwa 1860 feststellen.[9] Andre Asriel zufolge wurde volkstumliche, Ragtime-artige Klaviermusik im mittleren Westen und im Osten der USA schon lange vor der ersten Drucklegung von Ragtime-Kompositionen gespielt. ,,Dabei handelt es sich um naive Ubertragungen der zur Begleitung des volkstumlichen Cake Walk gebrauchlichen Banjo-Spielweise auf das Klavier." Den voll entwickelten Ragtime aber gab es erst seit etwa 1885, als musikalisch ausgebildete Pianisten-Komponisten sich dieses Materials bemachtigten und ,,es auf eine hohere Stufe kunstlerischer Vollkommenheit hoben",[10] wie etwa Ben Harney mit ,,You've Been a Good Old Wagon But You've Done Broke Down".

Der Entwicklungsschwerpunkt des Ragtime lag in Missouri. 1897 erschienen die ersten Ragtime-Kompositionen, zuerst der Louisiana Rag von Theodore Northrup. Der erste bedeutende Ragtime-Musiker und -Pianist war Tom Turpin, dessen 1892 komponierter Harlem Rag ebenfalls 1897 veroffentlicht wurde. Eubie Blake uberlieferte spater einen Rag des reisenden Pianisten Jesse Pickett von 1897, ein Stuck, das noch etwas essayistisch wirkte. Ebenso erschien im selben Jahr 1897 Ben Harney's Ragtime Instructor mit von Theodore Northrup geschriebenen Ragtime-Arrangements popularer Melodien.

Edition von Scott Joplins Magnetic Rag

Der Weltausstellung in St. Louis im Jahre 1904 (Louisiana Purchase Exposition), in deren Rahmen Tom Turpin einen grossen Ragtime-Wettbewerb veranstaltet hatte, wurden etliche Ragtimes gewidmet, unter anderem der St. Louis Rag von Tom Turpin, der St. Louis Tickle von Theron Catlen Bennet und The Cascades in Erinnerung an die Weltausstellungswasserspiele von Scott Joplin. Der Ragtime hatte damit, also funf Jahre nach Erscheinen von Joplins Maple Leaf Rag (Auflage 1/2 Mio.), den ersten emotionalen Hohepunkt fur seine Musiker. Ein Hauptort des Ragtime wurde Joplins Wohnort Sedalia, Missouri, wo auch sein Verleger John Stark seit 1885 ansassig war. Ein weiteres Zentrum des Ragtime wurde Atlantic City, wo damals Jens Bodewalt Lampe wirkte, der mit Creole Belles (1900) einen der erfolgreichsten Titel des Genres schrieb.

Von 1906 bis zum Ersten Weltkrieg war Ragtime die populare Musik in den USA und wurde schliesslich auch in Europa popular.[11] Nicht mehr streng der Form der Ragtime-Komposition entsprechend, sondern nur noch Stilelemente des Rag benutzend, waren zu dieser Zeit die sogenannten Ragtime-Songs - Schlager im Stil der Zeit - weit verbreitet. Von den grosseren Ragtime-Bands wurde die von James Reese Europe in New York besonders popular. Reine Saxophon-Ensembles prasentierten Ragtime auf neuartige Weise.

Mit dem Tode Scott Joplins im Jahre 1917 endete die Ragtime-Ara und wurde durch die Jazz-Ara abgelost. Aber auch in dieser Zeit entstanden noch neue Rags, vorwiegend pianistisch verwegene Kompositionen, die man auch Novelty oder Novelty Ragtime nannte. Eubie Blake hatte zusammen mit Noble Sissle 1921 grossen Erfolg mit der Broadway-Show Shuffle Along, die Musik, die sein Shuffle Along Orchestra dazu spielte, war gepragt vom Ragtime, aber auch schon vom Jazz.

Aus dem Ragtime ging in den 1920er und 1930er Jahren der Harlem Stride hervor, der auch nach dem Bebop weiterentwickelt wurde und so durchgangig in den Jazz Eingang fand.

Ragtime im fruhen Jazz

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In den fruhen Jazzbands wurden neben Bluesstucken auch Rags gespielt und zur Grundlage der Kollektivimprovisationen im Stil des New Orleans Jazz genommen. So ist fur Bandleader wie Papa Jack Laine oder John Robichaux bekannt, dass sie zum grossen Teil Rags aus dem Red Back Book auffuhrten,[12] einer 1911-1912 in St. Louis von der Stark Music Company herausgegebenen Sammlung von Ragtime-Arrangements. Kompositionen wie Alexander's Ragtime Band von Irving Berlin (das von seiner Form her kein Rag ist) spielen auf diese Tendenz an, zumal man manchmal auch den fruhen Jazz als ,,Ragtime" bezeichnete, bevor sich der Begriff Jazz in den fruhen 1920er Jahren etablierte.[7]

Bedeutende Komponisten und Interpreten

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Meistverkaufte Komposition, hier Ausgabe 1915

Die bekanntesten Rags sind heute Scott Joplins The Entertainer von 1902, der durch seine Verwendung im Film Der Clou 1973 grossen Erfolg hatte, und die als Notenausgabe und als Schallplattenaufnahme (mit Pee Wee Hunt (1948)) meistverkaufte Ragtime-Komposition Twelfth Street Rag von Euday Bowman aus dem Jahr 1914, als das Ende der Ragtime-Ara begann. Zu den Hauptvertretern des klassischen auskomponierten Ragtime gehoren neben Scott Joplin Tom Turpin, James Scott und Joseph Lamb. Bereits weniger notengebunden und damit jazzmassiger spielte Jelly Roll Morton in New Orleans, der von sich selbst behauptete, im Jahre 1902 den Jazz erfunden zu haben. Seine Jazzkompositionen stehen dem Ragtime entweder sehr nah oder sind ausgewiesene Rags wie sein Perfect Rag.

Bedeutend als Vorbild fur einige der ersten Jazz-Pianisten war Eubie Blake, der in Baltimore, Atlantic City und New York aktiv war, und ab 1899 Rags komponierte. Seine Rags sind ein Beispiel dafur, dass es sich bei diesen Werken durchaus um anspruchsvolle Klavierliteratur handelt. Das gilt fur die Rags sowohl von afro-amerikanischen (z. B. Joplin und Blake) als auch euro-amerikanischen Komponisten (z. B. der junge George Gershwin). Einer der schonsten Rags ist der von Louis Chauvin, dem Gewinner des Wettbewerbs von St. Louis, und Scott Joplin gemeinsam komponierte Heliotrope Bouquet.

Bekannte moderne Interpreten des Ragtime sind der klassische Pianist William Bolcom und der Jazzpianist Marcus Roberts. Ein Pianist, der sich auf seinen Aufnahmen ausschliesslich dem Ragtime widmet, ist Reginald R. Robinson. Auf den Alben des norwegischen Pianisten Morten Gunnar Larsen finden sich neben Titeln aus dem fruhen Jazz ebenfalls Rags. Ein Orchester, das sich intensiv mit Ragtime beschaftigt, ist das amerikanische Paragon Ragtime Orchestra unter der Leitung von Rick Benjamin. Als in heutiger Zeit besonders authentischer Interpret auf dem Piano gilt John Arpin. Insbesondere fur die Gitarre verfasste im 21. Jahrhundert Allan Jaffe einige Rags, der auch als Interpret hervorgetreten ist.

Der Ragtime fand auch Eingang in die europaische Kunstmusik, so komponierte Claude Debussy die Rag-Miniatur The Little Negro und mit Golliwogg's Cakewalk (aus Children's Corner) und General Lavine - eccentric zwei Ragtime- und Cakewalk-Parodien. Auch Igor Strawinsky (etwa in seiner Histoire du soldat) und Paul Hindemith komponierten neoklassizistisch verfremdete Rags.

Literatur (chronologisch)

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Commons: Ragtime - Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Ragtime, Performing Arts Encyclopedia, Library of Congress

Einzelnachweise

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  1. | Scott Yanow: Jazz on the Record. San Francisco 2003, S. 4
  2. | Karl Gert zur Heide: Etymologies of the American Vernacular rag. (PDF) 2010, abgerufen am 10. August 2023 (englisch).
  3. | Karl-Gert zur Heide: The Orientalization of American Show Business - A Selective Timeline, The ARChive of Contemporary Music, 12. April 2011, abgerufen am 21. April 2015.
  4. | Scott, Derek B.: Invention and Interpretation in Popular Music Historiography, in: Helms, Dietrich / Phleps, Thomas (Hg): Geschichte wird gemacht. Zur Historiographie popularer Musik, transkript-Verlag, Bielefeld, S. 41-54.
  5. | Vergl. hierzu: Maximilian Hendler: Vorgeschichte des Jazz. Vom Aufbruch der Portugiesen zu Jelly Roll Morton. Beitrage zur Jazzforschung / Studies in Jazz-Research 13, ADEVA Akademische Druck & Verlagsanstalt, Graz 2008, ISBN 978-3-201-01900-2.
  6. | Vergleiche hierzu die Kritik von Manfred Mayer (Wien) an Maximilian Hendler: Manfred Mayer: Hendlers Gegenkurs, abgerufen am 10. August 2023.
  7. | a b Digby Fairweather: Ragtime. In: Ian Carr, Digby Fairweather, Brian Priestley: Rough Guide Jazz. Der ultimative Fuhrer zur Jazzmusik. 1700 Kunstler und Bands von den Anfangen bis heute. Metzler, Stuttgart/Weimar 1999, ISBN 3-476-01584-X, S. 749.
  8. | Allerdings erinnerte der Pianist Eubie Blake an ,,One Leg" Willie Joseph: ,,Ragtime ist Synkopierung - und Improvisation - und Akzentuierung. Und wenn Du die alten Jungs spielen gehort hattest, wusstest Du, was Improvisation ist - und Akzentuierung." Zitiert nach: Digby Fairweather: Ragtime. In: Ian Carr, Digby Fairweather, Brian Priestley: Rough Guide Jazz. Der ultimative Fuhrer zur Jazzmusik. 1700 Kunstler und Bands von den Anfangen bis heute. Metzler, Stuttgart/Weimar 1999, ISBN 3-476-01584-X, S. 749.
  9. | So kann Stephen Fosters Komposition ,,The Glendy Burk" (1860) nach seinem Melodieaufbau als Rag beschrieben werden, wobei die Synkopen allerdings erst durch Handeklatschen entstehen. Vgl. Blesh, Janis: The All Played Ragtime. S. 107.
  10. | Andre Asriel: Jazz - Aspekte und Analysen. Berlin (DDR) 1984, S. 68.
  11. | Vgl. dazu auch Geza Gabor Simon: K.u.K. Ragtime. Die Ragtime-Ara der Osterreichisch-Ungarischen Monarchie. Verlag Pytheas, Budapest 2007. Simon zeigt, dass der Ragtime auch im Bereich der klassischen Musik Spuren hinterliess.
  12. | The Red Back Book. Abgerufen am 28. Dezember 2023.
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