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Textilie


Der Begriff Textilien umfasst textile Rohstoffe (Naturfasern, Chemiefasern) und nichttextile Rohstoffe, die durch verschiedene Verfahren zu linien-, flachenformigen und raumlichen Gebilden verarbeitet werden.

Es sind

Bei der zusatzlichen Verwendung von nichttextilen Rohstoffen (z. B. Leder, Federn, Schuppen, Metalle) im Erzeugnis ist fur eine Zurechnung zu den Textilien entscheidend, dass der textile Gesamtcharakter erhalten bleibt, die Fremdmaterialien also nur eine zusatzliche Funktion ausuben.

Textilien in verschiedenen Formen gehoren zu den altesten Artefakten, die seit der Fruhzeit der Menschheit hergestellt werden. Bis heute sind sie eine der wenigen Produktgruppen, die in allen Lebensbereichen der Menschen Anwendung finden. Aus diesen Grunden haben sich uber Jahrtausende umfangreiche Bereiche, die sich mit Textilien beschaftigen, herausgebildet. Dazu zahlen:

  • die Textiltechnik mit ihren speziellen Fertigungsverfahren, die von der Aufbereitung der Fasern nach deren Gewinnung in der Landwirtschaft und deren Herstellung in der Chemiefaserindustrie uber die Fertigung von textilen Halb- und Fertigfabrikaten bis hin zur Konfektionierung der fertigen Textilwaren reichen,
  • textile Material- und Warenkunde,
  • das textile Pruf- und Normwesen,
  • die Anwendungstechniken in den verschiedenen Einsatzgebieten sowie
  • deren kunstlerische, kunsthandwerkliche, kulturelle, kulturgeschichtliche und ethnographische Aspekte.

Textilie leitet sich von lateinisch textile ,gewebt, gewoben' (Plural textilia ,Gewebe, Tuch, Leinwand'), von lateinisch texere , weben' ab. Obwohl auf alten lateinischen Wurzeln beruhend, taucht der Begriff Textilien in den deutschsprachigen technologischen Fachbuchern und in den Worterbuchern bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht auf. Anfang des 20. Jahrhunderts findet man den Terminus textile Flachengebilde, die unterschieden werden in Flachengebilde aus Fasern, wie Filze und Watten, und solche aus Faden, wie Geflechte, Gewebe, Netze und Gewirke.

Ein genauer Zeitpunkt fur die Einfuhrung des Begriffs Textilien in den deutschen Sprachgebrauch ist nicht bekannt; es kann aber anhand von Literaturrecherchen davon ausgegangen werden, dass das in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts geschah und dass sich dieser Sammelbegriff ab den 1950er Jahren in der Fachliteratur (z. B.) und in der Praxis etablierte, was letztendlich zur Einfuhrung der DIN 60 000: Textilien - Grundbegriffe fuhrte.

Synonym fur Textilien wird auch der Begriff Stoff fur diejenigen Textilien verwendet, die als flachige textile Gebilde (z. B. Vliesstoff, Gewebe, Maschenware, Geflecht oder Nahgewirke) als Bahnen hergestellt und aufgerollt direkt in den Handel kommen oder in die Konfektionsindustrie zum Weiterverarbeiten zu Bekleidung, Heim- und Haushaltstextilien sowie technischen Textilien geliefert werden.

Schon seit Hunderten Jahren hat auch der Begriff Tuch eine ubergreifende Bedeutung fur Gewebe hauptsachlich aus Wollgarnen, aber auch aus Leinen- und Baumwollgarnen. Als Tuch bezeichnet man aber ebenfalls abgepasste flachige textile Gebilde aus verschiedenen Faserarten, die etwas bedecken oder umhullen wie Tisch-, Hand-, Bett-, Wisch-, Kopftuch. Ebenfalls befindet sich insbesondere in historischen Darstellungen der Begriff Zeug als Sammelbegriff.

Eine fachwissenschaftliche Definition bezeichnet ,,Textilien als morphologisch bestimmbare, gestaltete Gefuge aus verspinnbaren, langenbegrenzten Fasern und (oder) gezogenen, endlosen Fasern, die die Verspinnbarkeit als Eigenschaft aufweisen", wobei dort auch die Zurechnung der Fasern zu den Textilien und damit die Bezeichnung Textilfasern abgelehnt wird, da dieselben Fasern auch zur Herstellung von Papier verwendet werden konnen. Diese Sichtweise hat sich aber in der Praxis kaum durchgesetzt.

Hauptbestandteile aller textilen Erzeugnisse sind Textilfasern, also Fasern, die sich in textilen Fertigungsverfahren verarbeiten lassen, die insbesondere verspinnbar sind. Es sind linienformige Gebilde, d. h., das Verhaltnis Lange zu Durchmesser ist wesentlich grosser als 1, mit einer ausreichenden Lange sowie Bieg- und Schmiegsamkeit als Voraussetzung fur ihre Verarbeitbarkeit. Der Form nach konnen die Fasern in Spinnfasern (Fasern begrenzter Lange) und Filamente (Endlosfasern) unterschieden werden. Zu den textilen Fasern zahlen auch Flockfasern, obwohl sie nicht verspinnbar sind, sowie Gummifasern, Metallfasern oder Spinnpapier, wenn diese textil verarbeitbar sind. Textilfasern sind:

Textile Erzeugnisse konnen aber auch nicht textile Rohstoffe beinhalten (z. B. Leder, Federn, Schuppen).

Zu den weiteren Bestandteilen, die oft nur einen geringen Anteil an der Gesamtmasse einnehmen, aber fur das Aussehen und die Gebrauchseigenschaften von besonderer Bedeutung sind, zahlen die Farbstoffe und die Veredlungsmittel, wie Avivagen und Schlichtemittel fur die Beeinflussung der Faser- und Garnverarbeitbarkeit, Knitterarmmittel, Hydrophobier- und Hydrophiliermittel, Flammschutzmittel, Beschichtungsmittel und Bindemittel. Der Handel ist verpflichtet, fur Textilien, die aus mindestens 80 % Textilfasern bestehen und dem Letztverbraucher zur Verfugung gestellt werden, die Faserzusammensetzung entsprechend der Verordnung (EU) Nr. 1007/2011 des Europaischen Parlaments und des Rates vom 27. September 2011, die ab 8. Mai 2012 das Textilkennzeichnungsgesetz ersetzt hat, anzugeben. Entsprechende Ausnahmen sind ebenso dort geregelt. Bedeutung fur die zulassigen Bestandteile von Textilien hat auch der Oko-Tex-Standard 100, der Textilien auf ihre humanokologische Unbedenklichkeit, den Schadstoffgehalt und die Gebrauchsechtheiten bewertet. Fur die Beurteilung der Textilien hinsichtlich der gesundheitlichen Vertraglichkeit, aber auch des Gefahrdungspotentials im Brandfall oder bei der Abfallbeseitigung wird oft ein Sicherheitsdatenblatt angefordert, das die wichtigsten Bestandteile ausweisen muss. Textile Fertigwaren werden ebenfalls fur viele Einsatzgebiete mit einer Pflegekennzeichnung versehen.

Fertigungstechnisch erfolgt die Herstellung von textilen Halb- und Fertigprodukten zum uberwiegenden Teil durch Fugen. Das geschieht nach wie vor durch Handarbeits- und Handwerkstechniken, aber uberwiegend durch industrielle Fertigungsverfahren. Dazu werden einfache Arbeitsgegenstande wie Spinnrad, Strick- oder Hakelnadel sowie Handwebstuhle, aber grosstenteils Textilmaschinen (wie Spinn-, Web- und Strickmaschinen), aber auch Aggregate der Extrusions- und Trocknungstechnik eingesetzt.

  • Beim Spinnen werden Spinnfasern uber mehrere vorbereitende Verfahrensschritte zu einem Garn mit einer angestrebten Garnfeinheit zusammengedreht, wobei die Haftreibung der Fasern und ihre Flexibilitat ausgenutzt werden. Wenn einfache Garne aus Spinnfasern oder Faserfilamenten zusammengedreht werden, nennt man dieses Fugeverfahren Zwirnen.
  • Beim Weben werden die Faden zweier Fadensysteme (Kette und Schuss), die genau oder annahernd rechtwinklig zueinander stehen, nach einer bestimmten Ordnung (Gewebebindung) zu einem Gewebe verkreuzt. Die Verbindung der Faden erfolgt vorwiegend durch Reibschluss an den Kreuzungspunkten.
  • Bei Fugeverfahren wie dem Wirken, dem Kettenwirken, dem Stricken, Nadelbinden und Nahwirken werden Maschen aus ineinander hangenden Schlaufen, die z. T. auch gerade Fadensysteme mit einbinden, zu einem Flachengebilde zusammengefugt. Es entstehen Gewirke, Kettengewirke, Gestricke und Nahgewirke. Insbesondere Gewirke und Gestricke sind wegen ihrer mehr formschlussigen Verbindung gut dehnbar.
  • Flechten, Kloppeln, Hakeln und Knoten sind weitere Fugeverfahren, bei denen aus Faden textile Flachengebilde entstehen.
  • Beim Filzen, das zu den altesten Verfahren zur Herstellung textiler Flachengebilde gehort, werden durch Walken von Vliesen, die filzfahige Fasern (insbesondere Wolle und Haare) enthalten, die Fasern aufgrund mechanischer, thermischer und chemischer Einwirkungen miteinander verfilzt. Es entstehen Walkfilze.
  • Eines der vielfaltigsten Herstellungsverfahren fur textile Flachengebilde ist das Fugen von Fasern und ggf. Verfestigungsmitteln zu Vliesstoffen. Zuerst erfolgt das Vlieslegen aus textilen Spinnfasern oder direkt aus extrudierten textilen Endlosfasern, z. T. auch unter Beimischung anderer faseriger Bestandteile wie Zellstoff, wobei die Fasern durch ihre eigene Haftung, aber auch Formschluss zusammengehalten werden. Die Fasern konnen im Vlies mit einer bevorzugten Orientierung, aber auch in Wirrlage angeordnet sein. Die Fasern der Vliese werden durch Vernadeln mit Widerhakennadeln, Maschenbildung, Verwirbeln mittels Wasserstrahlen, Einwirkung von Hitze und/oder Druck, Ultraschall oder durch adhasive und kohasive Bindung mit Hilfe von Bindemitteln zum textilen Flachengebilde Vliesstoff verbunden.

Die meisten der durch die verschiedenen Fugeverfahren entstandenen textilen Roherzeugnisse (Halbfabrikate) werden noch verschiedenen Veredlungsverfahren unterzogen, um ein spezielles Aussehen (z. B. durch Farben und Bedrucken) oder spezielle Gebrauchseigenschaften (z. B. Fleckschutz, Knitterarmut, Flammschutz) zu erhalten. Die Herstellung von textilen Fertigerzeugnissen wie Bekleidung, Heimtextilien oder technischen Textilien aus textilen Flachengebilden erfolgt zum uberwiegenden Teil durch Konfektionstechniken, obwohl auch Fertigerzeugnisse komplett in einem Arbeitsgang erzeugt werden konnen (z. B. Strumpfhosen). Fur Fertigerzeugnisse, die aus verschiedenen Teilen zusammengefugt werden sollen, werden die Teile entsprechend der angestrebten Gestalt aus den vorgelegten textilen Flachengebilden zugeschnitten und anschliessend durch Nahen, Schweissen oder Kleben zusammengefugt. Fur andere Fertigwaren erfolgt nur ein Zuschneiden auf eine bestimmte Breite und Lange, um anschliessend z. B. aufgerollt und als Rollenware wie Filterrollen ausgeliefert zu werden. Auch durch Stanz- oder Schneidtechniken konnen Fertigwaren aus textilen Flachengebilden hergestellt werden, z. B. Bander, Filzteile, Medizinprodukte u. v. m.

Aufgrund der mannigfachen Kombinationsmoglichkeiten der chemisch und physikalisch unterschiedlichen Faserstoffe, der Formmerkmalen der aus den Faserstoffen bestehenden Fasern und Garne und der Anordnung dieser Strukturelemente und deren Verbindung im Gefuge der textilen Erzeugnisse und die zusatzlichen Variationsmoglichkeiten durch entsprechende Veredlungsverfahren ergibt sich eine schwierig zu benennende, aber sicherlich in die Hunderttausende gehende Anzahl von spezifischen textilen Materialien mit sehr speziellen Eigenschaften. Durch die hohe Anzahl von Kombinationsmoglichkeiten konnen verschiedenste Eigenschaftsprofile entsprechend der Anforderungen der Anwendungsbereiche von Textilien erzielt werden. Allein fur die Vliesstoffe wurde eine Anzahl von ca. 120 000 Kombinationsmoglichkeiten und damit Materialvarianten genannt. Mechanische Eigenschaften, wie Festigkeit und Dehnung bei statischer und dynamischer Beanspruchung spielen ebenso wie bei anderen Materialien auch fur Textilien eine Rolle. Dazu kommen aber auch sehr textilspezifische Eigenschaften wie Knitterneigung oder Scheuerbestandigkeit. Insbesondere aber asthetische und bekleidungsphysiologische Eigenschaften sind sehr spezifisch fur textile Materialien und textile Fertigerzeugnisse. Eine Besonderheit der textilen Garn- und Flachengebilde gegenuber Gebilden aus kompakten Materialien wie Metallen und Keramiken ist ihre hohe Porositat, die viele Verarbeitungseigenschaften und Gebrauchseigenschaften wesentlich bestimmt. Aus diesen sehr spezifischen Eigenschaften, die zur Charakterisierung von Textilien herangezogen werden, haben sich meist sehr spezifische Prufverfahren entwickelt.

Textilien werden vielfaltig benutzt. Das weitaus bekannteste Einsatzgebiet ist die Bekleidung. Daruber hinaus werden sie im Haushalt und bei der Innenraumgestaltung eingesetzt in Form von Teppichen, Bezugen von Polstermobeln, Vorhangen, Handtuchern, Bettwasche, als Tischdecke oder als Putz- und Reinigungstucher. In Technik und Industrie finden sich textile Materialien etwa in der Segelei und der Hebetechnik (von Tragnetzen bis zu Hebebandern), Seilerei und Zurrgurte uber Airbags, Filter, Netze und Geotextilein: Daruber hinaus finden textile Materialien vermehrt auch in Architektur und Bauwesen Verwendung. Traditionell als Elemente temporarer Architektur wie Sonnenschutzsegel, Windschirme, Baldachine, Zelte etc., aber daruber hinaus auch in der Zeitgenossischen Architektur insbesondere bei Dachkonstruktionen und Seilnetz-Tragwerken. Man spricht dabei von Textiler Architektur. Im medizinischen und Hygienebereich werden Textilien bei Windeln, Taschentuchern, Krankenhaus- bzw. OP-Textilien und Verbandszeug verwendet. In jungerer Zeit werden Textilien in Verbindung mit Harz als faserverstarkter Kunststoff in Segelbooten und Flugzeugen eingesetzt.

Werden Textilien fur industrielle Zwecke und aufgrund anderer Eigenschaften als ihrem Aussehen verwendet, spricht man ublicherweise von Technischen Textilien.

Brauchbare Bekleidungstextilien, aber auch Polster oder Decken von Privaten werden uber Textilsammlung via Sammelsack oder Container mit Einwurfmechanik uber verschiedene, oft soziale Unternehmen gesammelt und gelangen in Secondhand-Laden, zu sozialen Kleiderausgaben, zur Katastrophenversorgung oder in den Export. Es gibt Unternehmen, die Altextilien, auch nicht mehr brauchbare zu Fasern zerreissen und aus diesen Fasern etwa Larmschutzmatten fur den Maschinen- und Automobilbau produzieren.

Mit Stand Januar 2025 wird fur Osterreich der Bedarf fur zwei Textilrecyclingwerke eingeschatzt.

Die altesten nachweislich von Menschen verwendeten Textilfasern sind etwa 30.000 Jahre alt und stammen zum einen aus der Dzudzuana-Hohle im Kaukasus (Georgien), zum anderen aus Dolni Vestonice und Pavlov in Mahren. In der Dzudzuana-Hohle handelt es sich um Flachsfasern (zum Teil bereits gefarbt), bei den beiden Gravettien-Fundplatzen Mahrens um Brennnessel-Fasern. Neben den direkten Textilnachweisen konnen die sogenannten Venusfigurinen des Gravettiens Hinweise auf Bekleidung geben, da diese auf den Oberflachen der Figuren angedeutet wird. Dabei gibt es z. B. den Rock bei der Venus von Lespugue, oft auch textil ornamentierte Gurtel, wie bei den Venusfigurinen von Kostjonki (Russland).

Etwa 19.000 Jahre alt sind die Textilnachweise von Ohalo II am See Genezareth.

AMS-Datierungen von Textilfunden aus der Guitarrero-Hohle im Anden-Hochland von Peru ergaben im Jahre 2011 ein uberraschend hohes Alter von etwa 11.000 BP.

Die Produktion gewebter Textilien aus Pflanzenfasern wurde wahrend dieser Zeit mit der Entwicklung der Landwirtschaft und dem Anbau von Lein oder Hanf verbunden. Eine Untersuchung der erst 2800 Jahre alten Textilien aus dem bronzezeitlichen Lusehoj stellt dies in Frage. Das Textil ist aus Fasernesseln gemacht. Das deutet darauf hin, dass die Textilproduktion noch in der Bronzezeit auch auf der Nutzung von Wildpflanzen basierte.

Die Jungsteinzeit ging einher mit der Domestizierung von Pflanzen und Tieren und der Nutzbarmachung ihrer Eigenschaften. Textilreste Mitteleuropas sind bis in die Zeit des Spatneolithikums jedoch nach wie vor nur aus Pflanzenfasern uberliefert (Lein bzw. Flachsfaser, Hanf, Geholzbast). Die bereits im 6. Jahrtausend v. Chr. in Sudosteuropa (Sesklo-Kultur) und dem Vorderen Orient auftretenden Spinnwirtel aus gebranntem Ton belegen das Spinnen. Tonerne Spinnwirtel gibt es vereinzelt auch in der mitteleuropaischen Bandkeramik. Es ist jedoch unklar, ob diese ausschliesslich fur die Verarbeitung von Pflanzenfasern gedient haben oder bereits auch fur das Spinnen von Tierhaaren bzw. Wolle.

Die Existenz von Webtechniken kann indirekt bereits fur das 7. vorchristliche Jahrtausend bewiesen werden, da webmusterartige geometrische Wandbemalungen im turkischen Tell von Catalhoyuk stark an gewebte Kelims erinnern. Von einer Bestattung in Haus VI 1 von Catalhoyuk gibt es einen verkohlten Weberest, der auf etwa 6000 v. Chr. datiert und heute im Museum fur anatolische Zivilisationen in Ankara aufbewahrt wird. Diese Reste wurden erst 2021 als Eichenbast identifiziert. Ein weiterer fruher Gewebefund aus dieser Region ist aus Cayonu bekannt. Eindrucke von Geweben in Tonwaren aus dem 7. Jahrtausend v. Chr. liegen aus Jarmo im nordlichen Irak vor. Nach einer Vermutung des Grabungsleiters James Mellaart seien in Schicht VI des Tells von Catalhoyuk die altesten Reste von Filz gefunden worden. Auch die ab etwa 6000 v. Chr. ubliche Keramikbemalung, die sich von Anatolien uber Sudosteuropa (Sesklo, Karanowo-Kultur, Vinca-Kultur) bis nach Mitteleuropa (Bandkeramik) ausbreitete, weist zumeist geometrische Muster auf, wie sie fur Webtechniken typisch sind. Da in Fundstellen dieser Kulturen keine tonernen Webgewichte gefunden wurden, wird die Verwendung kleiner, mobiler Webrahmen angenommen. Die alteste Abbildung eines horizontalen Webrahmens ist als Ritzzeichnung auf der Innenseite einer Keramikschale vom Fundplatz Badari (Agypten) erhalten und wird auf etwa 4400 v. Chr. datiert. Bei dem dort gezeigten Webgerat handelt es sich um einen einfachen Pflockwebstuhl. Die Schale (Badari, Grab 3802) wird zusammen mit etwa gleich alten Leinresten im Londoner Petrie Museum of Egyptian Archaeology ausgestellt.

Erst im Spatneolithikum (ab etwa 3500 v. Chr.) kann - mit tonernen Webgewichten - fur Mitteleuropa der archaologische Nachweis des Gewichtswebstuhls erbracht werden. Hier ist jedoch nach wie vor unklar, ob neben pflanzlichen Fasern bereits Wolle gewebt wurde. Erste Hinweise auf Verarbeitung von Schafwolle gibt es in Mitteleuropa bei spat- bzw. endneolithischen Kulturen (um 3000 v. Chr.), zum Beispiel in der ostbayerischen Chamer Kultur. Einen Beweis fur die gezielte Haltung von Wollschafen bietet die veranderte Demographie spatneolithischer Schafherden, da dort eine Zunahme alterer Hammel zu verzeichnen ist. Zu den seltenen direkten Belegen gehoren Wollhaare in der franzosischen Seeufersiedlung Clairvaux-les-Lacs (fruhes 3. Jahrtausend v. Chr.) sowie Wollreste an einem endneolithischen Feuersteindolch aus Wiepenkathen, einem Ortsteil von Stade.

Die Nachweise von Textilien und ihrer Tragweise vermehren sich in der Bronze- und Eisenzeit schlagartig. Baumsargfunde aus der Nordischen Bronzezeit, zum Beispiel das Madchen von Egtved, boten gute Erhaltungsbedingungen fur Textilien. Aus Danemark wurden verschiedene bronzezeitliche Wollstoffe analysiert, die von braunen und weissen Soayschafen gewonnen wurden. Im prahistorischen Salzbergwerk in Hallstatt sind infolge der salzhaltigen Luft viele Textilreste erhalten geblieben. Spatestens seit der fruhen Hallstattzeit ist die Technik des Brettchenwebens bekannt.

Exzellente Textilerhaltung gibt es bei Mumien aus dem westchinesischen Tarimbecken, die zwischen 1800 und 400 v. Chr. zu datieren sind. Der ,,Cherchen Man", eine Tarim-Mumie aus dem 12. Jahrhundert v. Chr., trug Kniestrumpfe aus Filz, die rot, gelb und blau gestreift waren.

Neue Untersuchungsmethoden lassen die Standortbestimmung der genutzten Wollschafe und damit Ruckschlusse auf den Herstellungsort von Wolltextilien und gegebenenfalls deren Handel zu. So konnte mittels Strontiumisotopenanalyse die Herkunft der Wolle von eisenzeitlichen Textilfunden aus Danemark ermittelt werden.

Vorteilhafte Erhaltungsbedingungen fur prahistorische Textilreste bestehen auch, wenn diese verkohlt oder zum Beispiel durch Kontakt zu Kupferartefakten mit kupferbasierten Mineralien uberkrustet sind. Da Kupfer das Wachstum von Bakterien und damit den biologischen Abbau hemmt, konnten durch diesen Umstand zum Beispiel Textilreste der indianischen Hopewell-Kultur untersucht werden.

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  • Burkhard Wulfhorst: Textile Fertigungsverfahren. Eine Einfuhrung. Hanser, Munchen/Wien 1998, ISBN 3-446-19187-9.
Commons: Textilien - Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien Wiktionary: Textilie - Bedeutungserklarungen, Wortherkunft, Synonyme, Ubersetzungen
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  2. | Hugo Glafey: Die Textilindustrie. Die Herstellung textiler Flachengebilde. Verlag von Quelle & Meyer, Leipzig 1913, OCLC 16656416.
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