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Roderick Chisholm

aus Wikipedia, der freien Enzyklopadie
(Weitergeleitet von Roderick M. Chisholm)

Roderick Milton Chisholm (* 27. November 1916 in North Attleborough, Massachusetts; + 19. Januar 1999 in Providence, Rhode Island) war ein amerikanischer Philosoph, der sich vor allem mit der Epistemologie, Metaphysik, der Philosophie der Wahrnehmung, dem Materialismus und der Ontologie befasste.

Chisholm studierte Philosophie an der Brown University von 1934 bis 1938. Nach dem Diplom wechselte er an die Harvard-Universitat, wo er sein Doktorstudium der Philosophie (Ph. D.) mit einer Dissertation unter dem Titel ,,Die grundlegenden Thesen der Erkenntnistheorie" (Mentoren waren C. I. Lewis und Donald C. Williams) im Jahre 1942 abgeschlossen hat.

Zu dieser Zeit studierten und lehrten in Harvard auch viele Fluchtlinge, darunter Professoren, die vor dem Naziregime geflohen waren. Es gab eine lebhafte Debatte zwischen Vertretern des ,,neuen Realismus" und jenen des ,,kritischen Realismus" in der damaligen amerikanischen Philosophie. Bald trat jedoch die Frage in den Vordergrund, ob die USA sich in den Krieg einmischen sollten.

Pragend war fur Chisholm die Philosophie Franz Brentanos, die er innerhalb eines Kurses zur Psychologie entdeckte. Dadurch entschloss sich Chisholm, auch Psychologie zu studieren.

Universitatslaufbahn

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Gleich nach der Promotion wurde Chisholm in die Armee einberufen. Er absolvierte ein Infanterietraining in Alabama, wurde jedoch schnell verletzt und bekam so einen Posten in der Abteilung fur psychologische Tests in Boston. Nach 2 Jahren wurde er an die Offiziersschule in Texas versetzt, wo er sich dem Studium der klinischen Psychologie widmete. Im Anschluss arbeitete er in einigen Militarkrankenhausern und kehrte wenig spater nach Neuengland zuruck.

Dr. Albert C. Barnes, ein reicher Erfinder, engagierte ihn als Vortragenden in seiner Barnes Foundation, die mit der University of Pennsylvania verbunden war. Hier wurde Chisholm ,,Barnes Foundation Professor der Philosophie", noch bevor er wirklich eine richtige Vorlesung hielt. Wegen der dabei gemachten Fehler kundigte ihm Dr. Barnes im Jahre 1946. Die Universitat verlangerte zwar den Vertrag mit Chisholm, doch der wechselte als Professor an die Brown University.

Obwohl er fast sein ganzes Leben lang an der Brown University in Providence lehrte, findet man bei Roderick Chisholm auch eine lange Liste der akademischen Einrichtungen, an denen er zusatzlich gewirkt hat, insbesondere Universitat von Massachusetts, Universitat London (1956), Universitat Graz (uberwiegend in den 1960er Jahren), Oxford University (1967), Universitat Salzburg (1972), Universitat Heidelberg (1978), Universitat Wurzburg, Konigliches Philosophieinstitut in London (1979), Internationale Akademie fur Philosophie in Liechtenstein, Gesellschaft fur osterreichisch-deutsche Philosophie. An der Universitat Graz wurde er ab dem 7. Dezember 1974 als Honorarprofessor gefuhrt.

Auch die Liste der Auszeichnungen ist bemerkenswert, unter anderem erhielt er drei Ehrendoktortitel: von der Universitat Graz, der Internationalen Akademie fur Philosophie und der Brown-Universitat. 1958 wurde Chisholm in die American Academy of Arts and Sciences gewahlt.

Bei Chisholm promovierten unter anderem: Keith Lehrer, R. C. Sleigh, Ernest Sosa, Fred Feldman, Dean Zimmerman und Dale Jacquette.

Unter seinen Forschungsprojekten ist die Beteiligung an der Aufarbeitung und Herausgabe des Nachlasses von Franz Brentano hervorzuheben. Dieses Projekt wurde von John Brentano, dem Sohn Franz Brentanos, initiiert und finanziell unterstutzt. Dafur stellte Brentano auch die Bibliothek seines Vaters zur Verfugung.

Roderick Chisholm verteidigte unter anderem die Moglichkeit eines empirischen Wissens innerhalb empirischer Prinzipien, mit dem Resultat, dass es in den meisten Situationen rationaler ist, seinen Sinnen und seinem Gedachtnis zu trauen als umgekehrt.

Er war auch als Spezialist auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie bekannt und machte viele Referenzen auf die Philosophie der Antike, des Mittelalters und der Moderne. Seine Forschungsschwerpunkte waren unter anderem die philosophischen Konzepte von Aristoteles, Franz Brentano, Alexius Meinong, Ludwig Wittgenstein, Thomas von Aquin und Gottfried Wilhelm Leibniz.

Was wir als Alltagsgegenstande wahrnehmen, verliert und gewinnt immer wieder Teile. Molekule wurden von der Zeit weg gerissen. Das Gleiche gilt fur Korper. Sie gewinnen und verlieren fortlaufend Teile. Doch Personen, was immer sie schon sind, uberleben die Veranderungen des Korpers. Somit kam Chisholm zu dem Schluss, dass menschliche Personen nicht identisch mit ihren Korpern sind und auch mit keinem Teil des Korpers, der die Veranderungen umgeht. Irgendwann in seiner Karriere meinte er, dass menschliche Personen kleine Substanzen seien, innerhalb des Gehirns. Diese haben damit keine Teilchen und konnen deswegen auch keine verlieren oder gewinnen.

Die Erkenntnistheorie setzt sich nach Chisholm aus 4 Sokratischen Fragen zusammen:

1.) Was kann ich wissen?
2.) Wie kann ich Wichtiges vom Unwichtigen trennen?
3.) Wie kann ich wissen, was wahr ist?
4.) Wie kann ich wahre Aussagen konstruieren?

Um den Prozess der Erkenntnis verstehen zu konnen, ist es notwendig verschiedene Stufen zu unterscheiden:

D1: es ist wahrscheinlich, dass etwas gilt. Zu glauben ist vernunftiger als nicht zu glauben.
D2: Glauben ist akzeptabel. Nicht zu glauben ist nicht vernunftiger als zu glauben.
D3: Es ist unbestritten, dass etwas gilt. Zu glauben ist vernunftiger als nicht zu glauben.
D4: Es ist offensichtlich, dass etwas gilt. Dies impliziert erstens, dass es unbestritten ist und zweitens, dass es keinen Glauben daran gibt, dass nicht zu glauben vernunftiger ware als daran zu glauben.
D5: Es ist sicher, dass etwas gilt. Die Daten sind offensichtlich und es gibt keinen Beweis dafur, dass einem solchen Beweis zu vertrauen vernunftiger ware als an die ursprunglichen Daten zu glauben.

D2 impliziert D1, D3 impliziert D2 und D1 usw.

Es ist grundsatzlich wichtig, dass man versteht, dass ,,offensichtlich sein" nicht automatisch ,,wahr sein" bedeutet - dem entspricht eher ,,sicher/unbestritten sein".

Beispiel: Wir denken uns einen Mitarbeiter in einem Buro aus, der 5 Tage pro Woche dort arbeitet.

  • Wenn er heute da ist, dann ist es fur ihn wahrscheinlich, dass man in allen Buros, in denen gestern gearbeitet wurde, auch heute arbeitet.
  • Es ware akzeptabel anzunehmen, dass in einigen anderen Buros heute auch gearbeitet wird.
  • Ein Klang der Arbeit scheint aus einem Buro uber oder unter seinem Buro zu kommen. Das macht fur unseren Beobachter die Tatsache, dass man in diesem Buro arbeitet, unbestritten.
  • Fur ihn ist offensichtlich, dass man heute in seinem Buro arbeitet und
  • er wird sicher sein, dass sein Buro heute offen hat.

Wenn wir wussten, was genau unsere Person uber sein Geschaftsgebaude wirklich weiss, dann waren diese Daten fur uns praktisch signifikant.

Es gibt drei verschiedene Stufen in diesem Sokratischen Prozess:

1.) ,,methodologischer Zweifel" (wir sollten unsere Urteile einklammern)
2.) ,,Suchen einer Grundlage" (,,Erscheinungen" - Objekte, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen)
3.) ,,der Weg zuruck" (wir suchen uns aus, was wir glauben wollen)

Als rationale Lebewesen wissen wir, dass einige Behauptungen andere implizieren und auch, dass einige von denen andere negieren. Weiters konnen einige manche anderen bestatigen oder umgekehrt. Wenn wir also auf zwei sich gegenseitig negierende Aussagen stossen, werden wir uns folglich von mindestens einer davon verabschieden. Mit diesem Prozess des Filterns suchen wir die Daten aus, die akzeptabel sind. So bekommen wir allmahlich die Daten, die zweifellos richtig sind.

Wenn wir jemals wissen konnen, was wir wissen, dann konnen wir Wissen uber das haben, woran wir berechtigt glauben. So ein Wissen ist objektiv. Die Aussagen konnen entweder richtig oder falsch sein. Unter welchen Bedingungen konnen wir aber uberhaupt meinen, dass wir wissen, was wahr ist?

Wir konnen mindestens das behaupten: wenn eine Aussage damit rechtfertigt ist, dass sie gewiss stimmt, dann, wenn man reflektiert wie dieser Glauben formiert wird und wenn man sich nach der Richtigkeit der Aussage fragt, dann wird man wissen, ob es wirklich wahr ist.

Privilegierter Zugang

Wir haben einen privilegierten Zugang auf einige der Prozesse unseres Verstands.

Diese Doktrin hat zwei Seiten:

  • Zugang: gegenuber dem Inhalt unseres Denkens - entweder intellektuell (z. B. Glauben) oder emotional (lieben, hassen) oder sinnlich (Sinneswahrnehmung).
  • Privileg: die Teile unseres Denkens prasentieren sich uns, den Besitzern, direkt.

Beispiel: Man denkt daruber nach spazieren zu gehen. Wenn man daruber nachdenkt, dann weiss man sofort, dass man daruber nachdenkt. Man braucht nicht nach weiteren Beweisen zu suchen, um sich zu vergewissern. Wenn man ,,nachdenken" wie ublich verwendet, dann konnten wir meinen, dass ,,daruber nachdenken spazieren zu gehen" adaquate Beweise fur glauben daran, dass jemand ubers spazieren nachdenkt, impliziert.

Wir haben auch einen privilegierten Zugang zu bestimmten Daten uber unsere Gefuhle. Ich weiss nicht sofort, dass ein Blatt, das ich sehe, grun ist - aber ich weiss sofort, dass etwas grun erscheint.

,,Wenn jemand rauskriegen will, ob ich depressiv bin, dann muss er/sie viel mehr uber mich wissen als es fur mich notig ist zu wissen, um zu dem Schluss zu kommen, dass ich depressiv bin."

Auch das Unbewusste wird benotigt, um Gedanken verstehen zu konnen; deswegen brauchen wir viel Detailwissen uber die Person. Mit der Recherche aller Daten uber eine Person werden bewusste Gedanken und Sehnsuchte entdeckt, wie auch die potentiellen bewussten Zustande.

Wenn eine Einheit denken und fuhlen kann, dann kann es nichts anderes sein als eine Substanz. Es kann z. B. keine Nummer sein. Eine Nummer kann namlich nicht denken oder fuhlen. Was ist also diese Sache, die unbewusste Sehnsuchte verspurt, wenn es nicht gleich das Subjekt bewusster Sehnsuchte ist?

Zwei mogliche Antworten:

  • eine erste Moglichkeit ware zu sagen, dass noch eine zweite Substanz in jedem von uns ist und sie ist unbewusst; diese zweite Substanz kann Sachen hassen, die die erste Substanz liebt und umgekehrt.
  • man konnte aber auch sagen, dass fur jeden von uns noch eine Quasisubstanz existiert, die der Substanz ahnelt (sie kann fuhlen), die aber in keine bekannte Schublade passt.

Egal wie bedeutend die Psychoanalyse sein mag, sie ist epistemologisch und ontologisch einfach unzureichend.

Innerhalb der Kategorisierungen nehmen wir fur unser Beispiel irgendeine bewusste Handlung; beurteilen, sich wundern, wollen oder hoffen. Wir konnen wissen, was diese Begrifflichkeiten bedeuten. Als rationale Lebewesen konnen wir die Natur dieser Sachen erfassen. Wir konnen wissen, wie es ist, diese Sachen zu besitzen. Wir konnen einsehen, dass es sich um Sachen handelt, die nur individuelle Beispiele haben konnen. Und sie konnen abstrakten Objekten auch nicht angehoren (wie z. B. Nummern oder Beziehungen). Man kann hoffen, dass der Regen fallt, aber kein Prozess oder Nummer oder Beziehung kann darauf hoffen. Es existiert also eine individuelle Substanz, die diese Eigenschaften besitzt. Wir konnen daraus drei Phasen ausklammern:

  • ich kann wissen, dass ich auf Regen hoffe
  • als ein rationales Lebewesen kann ich nachvollziehen, was es heisst auf Regen zu hoffen
  • ich finde heraus, dass die einzige Einheit, die die Eigenschaft besitzen kann auf Regen zu hoffen, etwas Individuelles oder eine Substanz ist

Erscheinungen und die Realitat

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Wie soll man Erscheinungen identifizieren? Wenn wir wissen unter welchen Zustanden ein externes physisches Wesen wahrgenommen werden kann, dann kann man vorsehen welche Erscheinungen es annehmen wird.

Schon Aristoteles kritisierte, dass vor ihm Naturwissenschaftler meinten, dass es ohne eine Sicht kein Schwarz oder Weiss geben kann. In diesem Sinne konnte eine Frage auch so heissen: ,,Gibt ein fallender Baum einen Klang von sich auch, wenn keiner im Wald ist?"

Wenn wir sagen, dass die Objekte der visuellen Sinneswahrnehmung Oberflachen im Korper des Subjekts sind, dann ziehen wir daraus den Schluss, dass das Subjekt einen Korper braucht, wenn es etwas wahrnehmen will. Was man wahrnimmt ist so naturlich ein Teil des Korpers.

Die Objekte der visuellen Sinneswahrnehmung sind definitiv. Es gilt entweder, dass alle Objekte der Sinneswahrnehmung individuell sind oder dass einige davon individuell sind und andere ganz andere Eigenschaften aufweisen.

Unsere qualitative Erfahrung ist subjektiv, weil ihre Existenz von der Existenz des verstehenden Subjekts der Erfahrung abhangt.

  • Hahn, Lewis Edwin (Hg.): The Philosophy of Roderick M. Chisholm, Open court, Chicago and La Salle, Illinois (1997). ISBN 0-8126-9356-6

Veroffentlichungen (Auswahl)

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  • ,,Die Wahrnehmung: eine philosophische Studie"/"Perceiving" (Cornell University Press, 1957)
  • ,,Erkenntnistheorie" (DTV, 1979; Buchner, 2004)/"Theory of Knowledge" (Prentice Hall, 1966, 1977, 1988)
  • ,,Die Person und das Objekt"/"Person and Object" (George Allen and Unwin, 1976)
  • ,,Die erste Person"/"The first person" (Minnesota University Press, 1981)
  • ,,Eine realistische Theorie der Kategorien"/"A Realistic Theory of Categories" (Cambridge University Press, 1996)
Personendaten
NAME Chisholm, Roderick
ALTERNATIVNAMEN Chisholm, Roderick Milton (vollstandiger Name)
KURZBESCHREIBUNG US-amerikanischer Philosoph
GEBURTSDATUM 27. November 1916
GEBURTSORT North Attleborough, Massachusetts
STERBEDATUM 19. Januar 1999
STERBEORT Providence, Rhode Island